28.09.2017

Gabriel Fehrenbach

“Auch in extremen Situationen kann es ein „Heil-Sein“ geben“

Nach mehr als ein Vierteljahrhundert der eigenen medizinische Praxis und der Arbeit mit Patienten: Was heißt das für den Blick auf Kranksein und Heilwerden? Was braucht es, damit Menschen gesundwerden und das auch bleiben? Wie wichtig dabei ist das Gespräch mit sich selbst?

Mit Josef-Karl Graspeuntner habe ich einen Gesprächspartner gefunden, der mit einem weiten Blick und einem großen Interesse über das eigene Betätigungsfeld hinaus viel Erfahrung gesammelt hat. Ein Austausch:

Gabriel Fehrenbach: Josef, was bedeutet für Dich Heilung?

Josef-Karl Graspeuntner: Etymologisch bedeutet der Begriff Heilung ein Ganz-Sein, Ganz-Werden. Der Begriff des Gesunden hingegen kommt vom griechischen Neomai und meint ein Davongekommensein aus einer Gefahr. Bei einem Schnupfen ist uns dieses Davonkommen klar. Was aber heißt es bei einer Krebserkrankung?

Gibt es dieses Heil-Seins selbst bei einer Erkrankung wie Krebs?

Ja. Angenommen, wir werden als unheilbar nach Hause geschickt. Auch da könnte es einen Punkt geben, wo wir diese Krankheit akzeptieren, wo wir mit Schmerzen gut zurechtkommen und wir uns in dieser Zeit um unsere Familie und um die Menschen, die wir lieben, kümmern. Wo wir Dinge tun, die wir noch gerne getan haben möchten, vielleicht sogar noch eine Reise an den Lieblingsortmachen. Ja, auch in dieser ganz extremen und außergewöhnlichen Situation gibt es eine Art Heil-sein, ein noch Ganzer werden vor dem letzten großen Schritt.

Das setzt dann einen sehr aktiven Patienten voraus.

Wohl einen Menschen, der sich seiner Situation bewusst ist, oder aufgeklärt und ehrlich, gründlich und sorgfältig unterstützt wird. Der einen Therapeuten an seiner Seite hat, der sich auf den Erfahrungshorizont des Patienten einlässt. Dann kann er ihn ermutigen zu sehen, welche Chancen und welche Möglichkeiten ihm im Hier und Jetzt als Ressourcen noch zur Verfügung stehen, welche Wege er versuchen kann. Er kann sich inspirieren lassen, seine Entwicklung weiter zu vollenden und sich mit Techniken wie der Meditation beschäftigen. Es gibt so viele Möglichkeiten zu erkennen, was uns nützt und was unsere Gesundheitskompetenz stärkt.

Kannst Du im Vorhinein erkennen, wie weit jemand auf dem Weg geht?

Wir können ermutigen und zu einer Veränderung einladen. Was dann passieren wird, das können wir nur erhoffen, jedoch nicht sicher voraussagen. Aber vieles ist möglich. Zu mir kam vor fünf Jahren eine damals 80-jährige sehr gebrechliche, sehr schwach und abgemagerte freundliche milde Dame mit metastasierendem Zoekum-Carcinom in die Praxis. Die onkologische Therapie hatte nicht den erhofften Erfolg gebracht. Stattdessen war sie unter der Therapie mit Xeloda so abgemagert, dass der Onkologe empfahl: „Machen sie sich eine gute Zeit. Die Palliativschwestern sorgen für sie und für eine gute Schmerztherapie.“ Bei mir zeigte die Dame ein eindeutiges Beschwerdebild für eine homöopathische Arznei. Jetzt sind fünf Jahre vorbei, sie brauchte in dieser Zeit keinerlei Schmerzmedikamentation und bis heute sind keine keine Tumore oder Metastasen mehr nachweisbar. Die Patientin hatte damals innerhalb von 3 Monaten homöopathischer Therapie mit einem Einzelwirkstoff in Q Potenz zugenommen, wieder an Kraft gewonnen und fährt heute mit dem Auto, versorgt den Haushalt und sich ohne Pflegestufe alleine und pflegt jetzt mit 85 Jahren ihren im letzten Jahr erkrankten Mann.

Aus der Epigenetik wissen wir, wie wichtig eine Gesundheitskompetenz ist, und wie wertvoll es ist, diese zu stärken. Wir Menschen müssen lernen, wie Gesundheit, Leben und Natur funktionieren. Kinder können heutzutage sehr früh schon einen Fernseher, Smartphones und Computer bedienen. Doch für ihre Gesundheit nachhaltig sorgen – können das wirklich alle? Wie viele von diesen kostbaren Lebewesen zerstören sich schon in jungen Jahren, wenn sie rauchen, kiffen und Alkohol trinken bis zur Bewusstlosigkeit. Da kann unser Gesundheitsystem und die Gesundheitskompetenz-Ausbildung sicher noch mit gemeinsamer Anstrengung verbessert werden.

Nun, bei Computer, Smartphones und Fernsehen bin ich in einer Objekt-Objekt-Welt. Wenn ich mich mit mir auseinandersetze, bin ich in einer Subjekt-Subjekt-Welt.

Ja, ich wünsche mir, dass viele Menschen lernen, in dieser Subjekt-Subjekt-Welt besser zu Recht zu kommen.

Aber wie kommen wir dazu? Was braucht es, damit der Mensch aus der Objekt-Beziehung mit sich selbst in Beziehung tritt?

Wenn er Menschen an der Seite hat, Therapeuten, die ihn dazu ermutigen, die ihn einladen, die ihm das zutrauen, die ihm die Möglichkeiten aufzeigen und die ihm keine Wege verbauen, die ihm jeden Weg offenlassen, weil jeder Mensch für sich selber ein Individuum ist, wäre schon ein Schritt gemacht. Wir leben in einer sehr objektivierten Welt und in diesem engen Weltbild ist für Subjektivität nicht viel Platz. Jemand aber, der bewusst ist, fragt sich ja nach seinem Sein: Wer bin ich, was habe ich für Möglichkeiten, was möchte ich in mir weiterentwickeln?

Meine Wahrnehmung ist: es gibt Strukturen, die Menschen in dieser Entwicklung fördern und es gibt Strukturen, die Menschen darin einengen. Und diese Strukturen gestalten wir selbst, ob in der Medizin oder im Städtebau. Nur, woran erkenne ich diese Strukturen?

Vielleicht über kluge Fragen stellen wie du es machst und ein kluges Verständnis für das was da ist. Schon Einstein sagte, „Das Problem zu erkennen ist wichtiger als die Lösung zu erkennen. Denn die genaue Darstellung des Problems führt zur Lösung“. Durch Forschen und Fragen können wir uns ermutigen, die objektiven Strukturen, die uns einengen, zu hinterfragen. Dann haben wir die Chance, uns selbst zu sehen, unser eigenes Selbst wahrzunehmen.

Das hat viel mit der eigenen Haltung zu tun und der Arbeit an mir selbst.

Sicher, jeder kleine Millimeter Erkenntnisgewinn an mir selbst ist ein Erkenntnisgewinn für das gesamte Umfeld. Schon Frederik Vester hatte große Freude in seinen Forschungen, als er erkannte, dass alles miteinander verbunden ist und aufeinander einwirkt. Der Mensch, nein das Leben an sich hat ein riesiges Gestaltungspotential, etwas auf der Welt zu verändern.

In einer buddhistischen Sutra heißt es: Du kannst durch niemanden gerettet werden.

Wie verstehst du denn den Satz, Gabriel?

Insofern, als dass es schlichtweg einen Teil gibt in meinem Leben, den mir niemand abnehmen kann. Das Aushandeln meines Lebens mit meiner Krankheit, das kann mir kein Therapeut abnehmen. Wir können uns Unterstützung holen und wir können dankbar dafür sein, dass es so ein großes Netz und so viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Doch unser Leben können wir nicht wegdelegieren.

Das ist richtig. Es braucht eine eigene Entscheidung.

Das heißt aber, es braucht in jeder professionellen Begleitung, ob das jetzt eine therapeutische oder in meinem Fall eine beraterische ist, immer eine Haltung, die dem anderen den eigenen Schritt ermöglicht. Ihn einlädt, aber nichts verbaut.

Ja, und diese Einladung ausgesprochen von jemanden, der eine Expertise hat, der für sich selber, an sich selber und mit sich selber bereits schon sehr viel gearbeitet und sich viel Wissen angeeignet hat. Das macht neugierig auf mehr und kann ermutigen zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung.

Das heißt die Expertise ist notwendig, aber gleichzeitig auch die Bereitschaft, selbst zu lernen.

Ja, doch braucht es dieses Bewusstwerden auch bei unseren Klienten? Braucht es dass bei Deinem Kunden, die Du berätst? Oder ist es nur so, dass er anhand deines Beispiels und anhand deiner Fragen mit der Zeit immer bewusster wird, ohne, dass es ihm bewusst ist? Weil Du ihn mit Deiner Expertise eingeladen hast, ihn ermutigst und ihn inspirierst, ganz neue Wege zu gehen.

Diese Bereitschaft zu lernen, das ist vor allem unser Part. So ähnlich, wie Joan Halifax das einmal gesagt hat: Wenn ich zu jemand gehe, der stirbt, den ich im Sterben begleite, muss ich in der Lage sein, alles, was ich weiss, in dem Moment fallen zu lassen und mich nur auf die Situation einzustellen.

Unbedingt. Mich auf das einzustellen was jetzt da ist, ist der entscheidende Moment. Meine Subjektivität muss mit seiner Subjektivität in Kontakt kommen, damit tiefes Verstehen gelingen kann. Ich denke, das gilt wohl für jede beratende und unterstützende Tätigkeit.

In Deiner Arbeit versuchst Du, die Grenzen Deiner Profession zu überwinden. In einer Tumorkonferenz tauschen sich Heilpraktiker mit Ärzten aus, die Tumorpatienten komplementär homöopathisch begleiten. Was braucht es, um auch in den Austausch mit den Onkologen und den konventionellen Medizinern zu kommen?

Einen gesunden wissenschaftlichen Rahmen im Umgang miteinander. Meine Erfahrung im Austausch mit Ärzten, Onkologen, Fachärzten, Heilpraktikern, Homöopathen, Osteopathen, Naturheilern usw. ist, dass wir sehr ähnliche Ausgangspositionen haben. Alle wollen wir unseren Patienten nur das geben, bei dem wir wissen, wie es wirkt und welche Wirkung wir erwarten können. Alle gemeinsam wollen den Patienten nicht schaden.

Gesund, damit meine ich einen ehrlichen offenen Austausch zum Wohl des Patienten, beide Seiten unterhalten sich, was, wann für den Patienten und seine Situation die derzeit vernünftigste und nachhaltig gedacht sinnvollste Möglichkeit wäre. Mir scheint, viele Patienten wollen diesen Austausch, die Gesellschaft will es, die Wissenschaft will es. Wir werden Wege finden, das zu realisieren.

Für die konventionelle Medizin sind die Homöopathen seit über 200 Jahren die „Skeptiker“. Sie stellen in Frage, ob es dem Patienten nützt, wenn er z.B. 20 Migränetabletten im Monat zu sich nimmt, mit Nebenwirkungen konfrontiert ist, die Erkrankung schlechter, sein Gesundheitszustand immer instabiler wird. Schon allein die  Sorgfaltspflicht  für die Patienten lässt uns das kritisch sehen. Aus solchen Fragen könnte sich ein fruchtbarer Austausch entwickeln, der die Physik, die Chemie, die Biochemie und die Pharmakologie weiterbringen kann. In der Onkologie gibt es neue Ansätze, Medikamente zu entwickeln, die das Immunsystem so triggern, dass das eigene Immunsystem den Tumor angreift. Hier könnte die Homöopathie viele nützliche Beobachtungen beitragen, es wird Zeit, dass  ernsthaft miteinander gesprochen wird.

Was braucht es von Seiten der Homöopathie und der Komplementärmedizin, um in diesen Dialog treten zu können?

Diesen wissenschaftlichen, offenen Geist. Denn es geht um die Gesundheit und Gesundheitskompetenz der heutigen und kommenden Generationen. Die Schweiz kann da ein Vorbild sein. Dort hat Bevölkerung erkannt, dass die allermeisten alternativmedizinischen Behandlungen über nichtärztlichen Therapeuten, Naturärzte (ähnlich ausgebildet wie in der BRD die Heilpraktiker) erfolgen. Solche Behandlungen werden über die freiwilligen Zusatzversicherungen vergütet, unter der Voraussetzung, dass der Therapeut eine fundierte Ausbildung hat, professionell arbeitet und mit einer Zertifizierung entsprechend vom Versicherer anerkannt ist.  Um das auch bei uns zu erreichen, brauchen wir in der BRD eine wissenschaftliche Gemeinschaft, der die Meinungsfreiheit, die Therapiefreiheit und die Forschungsfreiheit neben der Gesundheit der Menschen, Tiere, Pflanzen, Böden und Wasser das höchste Gut ist.

JOSEF-KARL GRASPEUNTNER ist klassisch homöopathisch arbeitender Heilpraktiker in Traunstein. Er hat den Qualitätszirkel Homöopathie in Südostbayern begründet ebenso wie die „Tumorkonferenz für klassische Homöopathie“. Er leitet das Kompetenzzentrum Homöopathie im Bildungszentrum für Gesundheit in Traunstein und schreibt für die Zeitschrift „Homöopathie Konkret“.

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