13.07.2018

Gabriel Fehrenbach

Gleich niemand anderem

Regenerierend Handeln 2 – Einzigartigkeit

Dies ist der zweite Teil unserer Serie über Regenerierendes Handeln Der erste: Eingebetttet sein. In dem Kontext, in dem wir sind, ergibt sich unser Potential aus unserer Einzigartigkeit. Die Biobranche, insbesondere die kleinen Bioläden, ist inmitten eines massiven Umbruchs. Jeder konventionelle Supermarkt hat inzwischen ein großes, manchmal auch regionales Angebot an Bioprodukten. Eigene Biosupermärkte haben sich etabliert. Manche davon werden von Großhändlern betrieben, die so ihren eigenen Kunden Konkurrenz machen. Nämlich jenen Bioläden, die sie seit Jahrzehnten beliefern und die den Biohandel erst groß gemacht haben. Durch die Änderungen im Markt verlieren die kleinen Bioläden ihre Einzigartigkeit. Sie sind nicht mehr die einzige Anlaufstelle am Ort für ökologische Nahrung. Und für Kunden, die mit der Erfahrung der Angebotsfülle eines Supermarktes in ein kleines Geschäft gehen, sind sie wegen der Beschränktheit ihres Sortiments unattraktiv. Dann gibt es den Onlinehandel als weiteren Konkurrent. Für viele Bioläden heißt das, sich inmitten des Wandels zu fragen: Wofür stehen wir eigentlich? Was macht uns besonders? Finden sie darauf eine für ihre Kunden schlüssige Antwort, können sie gestärkt aus dem Wandel hervorgehen. Keiner gleicht dem anderen. Jedes System ist für sich einzigartig. Seine volle Wirksamkeit, sowohl für sich als auch für das umgebende System, kann es nur in dieser Einzigartigkeit entfalten. Das ist die Balance zwischen dem Ganzen und seinen einzelnen Elementen. Wird sie gewahrt, kann das ganze System und jedes Element in ihm wachsen und sich weiterentwickeln. Wenn nicht, nehmen alle Schaden. Die neu entstehenden Biosupermärkte sind ein gutes Beispiel dafür. Denn sie arbeiten eben nicht mit der Besonderheit eines kleinen Geschäftes. Sie orientieren sich nicht an ihrem Umfeld. Und sie versuchen auch nicht, einen einzigartigen Beitrag zu dem Ort zu leisten, an dem sie sind. Stattdessen arbeiten sie nach dem Prinzip der Monokultur, mit denen sich Discounter und andere Supermarktketten wie eine Seuche über das Land ausgebreitet haben. Die große Masse ermöglicht, trotz geringerer Preise noch ordentlich Gewinn zu machen. Alle Läden sind weitgehend identisch. Gleiches Interieur, gleiches Angebot. Regional heißt hier nicht mehr, der direkte Mittler zwischen Erzeuger und Verbraucher zu sein. Es heißt auch nicht, regionale Versorgungsstrukturen aufzubauen und zu stärken. Stattdessen wird mit den üblichen Marketingbotschaften die Illusion von Regionalität vorgetäuscht. Und mann kauft in Berlin dann Milch aus den Alpen und nicht aus dem märkischen Hinterland. Auch in ihrer Ästhetik passen sie sich der konventionellen Konkurrenz an und liefern so ihren Beitrag zur Landschaftsverschandelung und -vernichtung. Es sind die ewig gleichen Bauschachteln in Gewerbegebieten an Ortsrändern. Mit handfesten regionalwirtschaftlichen Folgen. Denn kostengünstig sind auch diese Bauten vor allem durch die Standardisierung. Die wiederum erzeugt eine Monokultur der Baufirmen. Nur wenige große Anbieter bauen diese Supermärkte, kleine Handwerksbetriebe, die regionale Bauinfrastruktur bleibt außen vor. Viel stärker noch als konventionelle Supermarktketten bringen diese Biosupermärkte damit einen Widerspruch hervor: zwischen den Werten des ökologischen Handelns und ihrem eigenen Handeln. Der Preiskampf, den sie befeuern, geht vor allem zu Lasten der Erzeuger und fördert vor allem Großproduzenten. Ihre Angebotsfülle verlängert das zerstörerische Konsumverhalten ihrer Kunden, statt diesen einen anderen Zugang zum Wirtschaften und zur Versorgung zu ermöglichen. Sie fördern Verkehr durch lange Lieferwege ebenso wie die Lage ihrer Märkte, die ohne Auto kaum erreichbar sind. So schaffen sie Strukturen, die die Qualität einer ganzen Region auf den vielfältigsten Ebenen nach unten zieht, statt Impulse zu einer qualitätsvollen Weiterentwicklung zu setzen. Kleine, lokal agierende Bioläden können hingegen erfolgreich Nischen besetzten und dabei ihre Kommunen stärken. Wenn ich also das volle Potenzial meiner selbst oder eines Projektes entfalten möchte, kann ich das nur aus meiner Einzigartigkeit heraus. Die Frage, die mich dabei leitet, ist: – Was macht mich besonders? In meiner Familie bin ich Vater und nehme darin eine einzigartige Stellung ein, ebenso wie ich diese in meiner Ursprungsfamilie als jüngster Sohn einnehme. In meinem Vatersein unterscheide ich mich von anderen Vätern nicht nur dadurch, dass ich fünf Kinder habe. Sondern vor allem in der Art, wie ich diese Rolle ausfülle, welche Erfahrungen und Erkenntnisse in das tägliche Miteinander einfließen. War Zeugnistag, bildete meine Mutter den Notendurchschnitt aller ihrer Kinder und war damit zufrieden. Die Entwicklung, die wir Einzelne gerade unternahmen, die Fragen, die sich einer jeden auf besondere Weise stellten, fielen aus dieser Betrachtung komplett heraus. Und damit verschwand auch jeder einzelne von uns in seiner Einzigartigkeit im Durchschnitt der Familie. Doch Familie ist eben nicht der Querschnitt aller. Sonder ein ganz vielfältiges, sich ständig veränderndes Miteinander. Alle durchlaufen Entwicklungsphasen, versetzt, verschlungen manchmal. Bündnisse bilden sich unter Kindern und lösen sich wieder auf. Themen, wie die ersten Lieben oder alltägliche Begegnungen schwappen von außen in die Familie hinein und setzen Impulse. Die Einzigartigkeit der ganzen Familie spiegelt sich wieder in der Einzigartigkeit der einzelnen Mitglieder und ihrer vielfältigen Beziehungen untereinander. Deswegen ist für mich die Übung, jedem meiner Kinder in den Momenten, wo wir zusammen sind, immer mit frischen Augen und einem neugierigen Blick zu begegnen. Einzigartig ist dabei auch mein Beitrag als Vater im Umgang mit meiner eigenen Geschichte. Kann ich die Gewalterfahrungen meiner Jugend, auch die meiner Eltern, transformieren? Oder trage ich die vorgelebten Muster einfach weiter? Wie gehe ich mit meinem eigenen Erbe an Erfahrungen, auch an Befähigungen und Einschränkungen um? Es ist dabei wichtig, zwischen Stärken und Einzigartigkeit zu unterscheiden. Denn Stärken sind austauschbar: Gut schreiben können eine Menge Menschen. Aber über die Erfahrungen und Perspektiven meines Lebens schreiben, ja, mein Schreiben von ihnen formen lassen, das alleine kann nur ich. Noch etwas unterscheidet sich, was sich in dem Satz von Paul Anton de Lagarde widerspiegelt: „Frei ist nicht, wer tun kann, was er will, sondern wer werden kann, was er soll. Frei ist, wer seinem anerschaffenen Lebensprinzip zu folgen imstande ist.“ Gerade in der persönlichen Entwicklung, aber nicht nur dort, geht es bei der Einzigartigkeit nicht darum, was wir wollen, sondern um das, was wir können und was uns gegeben ist. Deshalb sollen die Fragen nach der Einzigartigkeit zum Erforschen und nicht zum Erträumen anregen. Es geht um das Gegebene. Als Mensch kann das unser Körper sein, unsere geistigen oder auch kreativen Fähigkeiten. Es können aber auch Krankheiten sein, ja Krankheitsgeschichten, die sich über Generationen schon weiterentwickelt haben. Ein materielles Erbe, familiäre Geschichten, die erzählt werden: Eine Frau aus einer akademischen Familie berichtete mir einmal, dass Unternehmer bei ihnen einen schlechten Ruf hatten. Was zu erheblichen Verwerfungen führte, als sie sich selbständig machte. Oder die Erfahrungen, die meine Eltern im Krieg gemacht und die ihr Handeln ihr ganzes Leben lang geprägt haben. Als Gemeinde ist das der Ort, seine Qualitäten, seine Besonderheiten: Einer Stadt am Fluss ist anders als eine, die sich einem Berg hoch schmiegt. Manche hat eine besondere Handwerkstradition, andere sind wiederum besondere Handelszentren. Die einen leiden unter Abwanderung, andere unter Zuzug. Auch das sind Gegebenheiten. Und sie gibt es auch bei Organisationen. Die Geschichten und Mythen der Gründerin. Die Strukturen, die sich über Jahre entwickelt haben. Die Beziehungen zu ganz besonderen Zuliefern. Worin bin ich einzigartig? ist keine leichte Frage. Denn an die Essenz zu gelangen, verlangt, in die Tiefe zu gehen. Das Sichtbare zu hinterfragen. Und es zu ergründen – eben nach seinem Grund zu fragen. Und sich von den Antworten überraschen lassen. Regenerierend arbeiten mit der Einzigartigkeit ist daher Geschichtsarbeit in der Vielfalt des Begriffes. Es geht um die Geschichten, die erzählt und überliefert werden. Es geht darum, Erfahrungen in eine Geschichte zu betten – sich einen Reim darauf machen, wie es umgangssprachlich heißt. Es sind kulturelle Gründe, weshalb die Frage nach unserer Einzigartigkeit so schwierig ist. Unsere Kultur ist auf den Blick von außen ausgerichtet. Ob Zeugnisse oder berufliche Bewertung: was wir sind, lassen wir uns von außen sagen. Weil wir auch von außen gesteuert werden. Eltern, Schule, unsere Personalabteilung sagen uns, wie wir uns zu entwickeln haben. Aber im regenerierenden Handeln brechen wir aus diesem Muster aus und gehen in die Selbstführung. Denn die wirkliche Kraft zu Handeln schöpfen wir aus dem, was wir selbst erfahren. Daniel Pink hat in „[Drive]“ dazu den ganzen wissenschaftlichen Wissenstand zusammengepackt. Das was uns wirklich motiviert, sind ihm zufolge drei Dinge: Sebstbestimmung, Meisterschaft und Sinnerfüllung. Und das gelingt uns dann, wenn wir wissen, was uns Besonderes gegeben ist.   Kernsatz 2: Jedes System ist einzigartig – in sich und in seinem Beitrag zu seinem Kontext. Regenerierendes Handeln erschließt sich diese Essenz des eigenen Seins. Weil sie die entscheidende Motivations-Quelle ist.

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