24.07.2019

Gabriel Fehrenbach

Die Angst durchqueren - Weshalb wir gewinnen, wenn wir uns der Krise zuwenden

Your pain is the breaking of the shell that encloses your understanding. Even as the stone of the fruit must break, that its heart may stand in the sun, so you must know pain.

Khalil Gibran

 

Alles ist umsonst, wenn Sie sich nicht bewegen.

Wenn Sie am Ende dieses Textes anlangen und dann nichts anders machen, war mein Schreiben, war Ihr Lesen vergeudet. Lesen Sie also nur weiter, wenn Sie es ernst meinen. Lesen Sie weiter, wenn Sie verstehen wollen, dass es einzig und allein um eines geht: Angst.

Denn Angst ist der Urquell unserer Krisen.

Sie ist das, was Menschen zu jenen zerstörerischen Entscheidungen führt, die unsere multiplen Krisen verursachen.

Angst ist das, was jene antreibt, die gegen diese Krisen anarbeiten.

Angst ist das, was viele Menschen davon abhält, aktiv zu werden.

Und Angst ist der einzige Weg zur Lösung.

 

Angst steht am Anfang

Angst ist ein untrennbarer Teil unseres Lebens. Als Schutzmechanismus ist sie tief in unsere biologische Existenz eingeschrieben und bestimmt unseren Alltag. Und die Aufgabe des Lebens besteht darin, mit dieser Angst umzugehen.

Gewöhnlich kennen wir dafür zwei Wege. Wir unterdrücken beziehungsweise meiden die Angst oder wir versuchen, sie zu kontrollieren.

Unterdrücken ist der Weg nach innen und heißt, die Angst als Angst erst gar nicht aufkommen zu lassen. Das Kind fällt hin und tut sich weh: „So schlimm ist es nicht“, lautet die Reaktion der Mutter, „ein Indianer kennt keinen Schmerz“. „Reißen Sie sich zusammen“, so der Chef, denn Gefühle haben in Organisationen keinen Platz. Wir nehmen Psychopharmaka und Schmerzmittel, lenken uns ab und vertreiben uns die Zeit mit Medienkonsum. Unser kulturelles Repertoire, um Schmerz und Angst zu unterdrücken, ist enorm.

Kontrollieren ist der Weg nach außen; wir versuchen alles, was Angst in uns hervorrufen könnte, auszuschalten oder einzuhegen. Unangenehme Kollegen werden ausgegrenzt, Unkraut und Schädlinge in der Landwirtschaft vernichtet. Unser Schulsystem basiert auf der Feststellung und Eliminierung von Abweichungen – Kinder, die anders sind, gelten als verhaltensauffällig und gehören therapiert.

 

 

Wir nehmen Psychopharmaka und Schmerzmittel und vertreiben uns die Zeit mit Medienkonsum. Unser Repertoire, um Schmerz und Angst zu unterdrücken, ist enorm.

 

Angst als Ursprung der Krisen

Doch egal ob wir den Weg der Unterdrückung oder des Kontrollierens einschlagen, wir verlieren damit unsere Verbindung zum Leben, zu dem, was wir sind und was in uns ist. Denn wir unterdrücken nicht nur die Angst, sondern unsere Empfindsamkeit insgesamt. Wir unterdrücken unsere Fähigkeit zu lachen und zu weinen, uns zu freuen und zu trauern. Das Kontrollieren der Angst wiederum macht uns eng; wir verlieren unsere Flexibilität und unsere Fähigkeit, angemessen auf das Leben zu antworten.

Eine Empfindsamkeit für das eigene Selbst sowie Offenheit für die Fülle des Lebens sind jedoch die Voraussetzung für Würde und Moral, für Selbstwert und Selbstwirksamkeit. All jenes, was uns hilft, Entscheidungen im Einklang mit dem Leben zu führen, beginnt mit unseren Sinnen. Fehlt uns diese Verbindung, so geht uns der Gesamtkontext, vor allem aber die Beziehung zum Leben selbst verloren. Damit aber erfahren wir uns als von der Welt getrennt, wir erfahren uns als im Mangel.

Die Folge: Die Welt (unsere Mitmenschen, die Natur, andere Staaten…) erscheint uns feindlich, muss bekämpft und niedergerungen werden; wir brauchen mehr, sind nie zufrieden. Wir betrachten unsere Umwelt – seien es Menschen, Energiequellen, besondere Metalle oder andere Ressourcen – als Objekt, das wir nach Belieben ausbeuten können. Alles Handeln, alle Entscheidungen, die dazu führen, dass unsere ökologischen, sozialen und politischen Systeme absterben oder degenerieren, haben ihren Ursprung in dieser Perspektive.

Angst als Antreiber

Wenn wir Angst nicht unterdrücken, kann sie eine enorme Schubkraft entwickeln. Sie entfesselt die notwendigen Kräfte, um der bedrohlichen Situation, in der wir uns sehen, Herr zu werden. 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen ersten Bericht, „Die Grenzen des Wachstums“. Die Schlussfolgerung des Berichts lautete, dass, „wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält“, wir die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreichen werden.

Viele der Thesen und Szenarien des Berichts haben sich inzwischen bestätigt. Viele weitere Forschungen zur Klimaerwärmung und zur Situation unseres Planeten haben ihren Ursprung in dem Bericht und dem Forschungskosmos, aus dem er stammt. Für die Umweltbewegung ist er ein wichtiger Referenzpunkt, für viele Aktivistinnen war und ist er (oder ähnliche Berichte) ein Auslöser für das eigene Engagement.

Alle großen politischen Bewegungen und Demonstrationen haben ihren Ursprung in der Angst – ob in der Auseinandersetzung um die Wiederaufrüstung, im Kampf gegen Wackersdorf oder Stuttgart 21 oder bei den Ereignissen nach Tschernobyl und Fukushima.

Angst macht wirkungslos

Dennoch hat sich an der grundlegenden Lage nichts geändert. Denn Angst allein bringt keine wirklich tiefgreifenden Lösungen hervor. Sie ist reaktiv und fördert vor allem kurzfristiges Handeln. Die zahllosen Demonstrationen haben vereinzelt Erfolge gezeigt – der Abbau einiger Ölplattformen, das Abschalten von Atomkraftwerken, die Verstärkung von Umweltgesetzen. Den notwendigen Umbruch, den der Bericht einfordert, hat es bis heute nicht gegeben. Die Krisenszenarien, die er zeichnet, werden nur deutlicher sichtbar.

Der Grund der Wirkungslosigkeit liegt im reaktiven Charakter der Angst. Die Reaktion bezieht sich auf ein Symptom, auf das, was sichtbar ist. Und fragt dabei weder nach den wahren Ursachen noch öffnet sie einen Raum, in dem die Menschen ihre wirkliche Handlungsfähigkeit erfahren. Stattdessen sucht man Verantwortliche und fordert sie zum Handeln auf. Die Verantwortung wird außerhalb des eigenen Wirkungskreises gesucht – weil die Quelle der Angst ebenfalls als etwas Externes betrachtet wird. Die „Fridays for Future“-Demonstrationen machen das sehr greifbar. Zwar schaffen sie weltweit eine hohe mediale Aufmerksamkeit, dennoch begrenzen sie ihren Aktionsradius enorm: Die Politiker werden aufgefordert, endlich ihre Arbeit zu tun. Zudem schafft die Aufmerksamkeit keine Energie. Sie bindet die Energie bloß an ein bestehendes Aufregungsmuster, statt den Weg dafür freizumachen, tiefgreifende Lösungen anzugehen.

 

 

Angst allein bringt keine wirklich tiefgreifenden Lösungen hervor. Sie ist reaktiv und fördert vor allem kurzfristiges Handeln.

 

Angst macht hilflos

Dass wir die Verantwortung vor allem bei anderen suchen, hat einen wesentlichen Grund. „Ich spüre eine große Hilflosigkeit“, sagte jüngst eine Mutter in einer Gesprächsrunde zur Klimaerwärmung. Die schiere Komplexität der Situation, dieses Überborden an Gefahren, Szenarien, Konsequenzen überfordere sie. Die Frage nach der eigenen Schuld lähme sie: Wie sehr sei sie, die doch eigentlich etwas ganz anderes wolle, in diese Situation verstrickt? Und was könne sie als Einzelne überhaupt verändern? Wo doch ihr Alltag selbst schon so fordernd und anstrengend sei, als dass sie darüber hinaus noch etwas tun könne.

Auf der einen Seite sind wir eingebunden in das bestehende Wirtschaftssystem. Es prägt unsere Gesellschaft, dringt tief in unseren Alltag ein und definiert weit über das Alltägliche hinaus unsere Glaubensvorstellungen und gesellschaftlichen Grundlagen. Und auf der anderen Seite erleben wir die kassandrische Düsterheit vieler Mahner und die Bilder von Elend, Chaos und Verschmutzung, die aus diesem Wirtschaftssystem hervorgehen. Was diese vor allem aktivieren, ist das Gefühl der Schuld und des Verstricktseins. Die Antwort darauf ist auch ein jahrtausendaltes biologisches Muster: das Erstarren.

Was wir am Ende der Angst gewinnen: Handlungsfreiheit aus der Verbundenheit mit der Kraft des Lebens.

 

Sich ihr stellen

Der Weg durch die Angst verlangt von uns, dass wir unsere Ängste ins Visier nehmen, ihrer gewahr werden. Allein die Beobachtung verändert alles. Suchen Sie sich einen abgeschiedenen, geschützten Ort, an dem Sie mit sich selbst arbeiten können. Sie müssen nicht im Alltag, inmitten eines Sturmes beginnen, es reicht die Übung in der Vorstellung. Entspannen Sie sich, werden Sie sich Ihres Atems bewusst. Dann lenken Sie Ihr Bewusstsein auf die Frage, was Ihnen derzeit Angst macht. Hören Sie Ihrem Körper zu. Lassen Sie sich auf die Frage ein und spüren Sie, was dabei in Ihrem Körper passiert. Nehmen Sie die Angst vor der Angst war und seien Sie dann bereit, die Angst zuzulassen. Nehmen Sie sie einfach an, ohne Bewertung. Dann wird das Leben Sie von ganz allein bewegen. Es wird Ihnen die richtigen Fragen stellen. Seien Sie neugierig – die Reise wird spannend. Ich wünsche Ihnen alle Kraft auf Ihrem Weg durch die Angst.

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