21.08.2019

Gabriel Fehrenbach

Lösen statt managen - Wie wir Konflikte sinnvoll nutzen

Wir betrachten Konflikte, als wären sie eine Buchenhecke. Wir hegen und pflegen sie, stutzen sie regelmäßig zurecht und nennen das Ganze dann „Konfliktmanagement“. Doch lassen sich Konflikte wirklich managen? Und lösen sie sich dadurch? Nein, stattdessen verbauen wir uns mit unserem Konfliktmanagement den Zugang zur Weisheit und zur Kraft, die Konflikten innewohnt. Wir nehmen uns die Chance, zu lernen und zu wachsen – als Einzelne genau wie als Team oder Organisation.

Was sind Konflikte?

Ein Konflikt ist ein Dissens, der nach Klärung verlangt, sich aber nicht klären lässt. Und zwar allein deshalb, weil mit dem Unterschied zwischen zwei oder mehreren Positionen starke Gefühle einhergehen: Wut, Zorn, Trauer, Schmerz, auch Angst. Gefühle, die die meisten Menschen als negativ erachten und die, wenn sie sich zeigen, ein direktes Gespräch erschweren. Die konventionelle Sicht sagt, Gefühle seien irrational und überlagerten den rationalen Kern der Auseinandersetzung. Wären sie nicht da, ließe sich der Konflikt schnell und sachlich klären. Deshalb wird im Konfliktmanagement alles daran gesetzt, diese Gefühle zu unterdrücken, zu ignorieren, auszublenden, zu kanalisieren oder herunter zu dimmen. Das Feld ist weit, die Methodik reich. Denn Organisationen sind starke negative Gefühle fremd; häufig werden sie als eine Gefahr betrachtet, die das produktive Miteinander (zer-)stören. Aus diesem Grund wird in Organisationen häufig nicht zwischen einem Konflikt und den Beteiligten unterschieden. Derjenige, der den Konflikt mit seiner Wut schürt, wird häufig dafür verantwortlich gemacht, nach dem Motto: Gäbe es Person X nicht, gäbe es auch den Konflikt nicht. Das erleichtert die Handhabung: Entweder Person X ändert sich oder geht. Dann ist der Konflikt gelöst.

 

Organisationen sind starke negative Gefühle fremd; häufig werden sie als eine Gefahr betrachtet, die das produktive Miteinander (zer-)stören.

 

Welche Rolle spielen Gefühle?

Der Irrtum liegt darin, Gefühle als irrational zu betrachten und sie vom Sachthema trennen zu wollen. Denn Gefühle überlagern einen Sachkonflikt nicht. Sie sind ein integraler Teil von ihm und zeigen an, dass der Sachkonflikt mit einer tieferen, nicht zugänglichen Bedeutungsebene verbunden ist.

Die erste Reaktion der Beteiligten zielt jedoch darauf ab, diese Ebene gerade zu meiden. Denn die Aufgabe heftiger Emotionen wie Wut, Zorn und Angst ist es, den Einzelnen vor einer erneuten Erfahrung dessen, was schmerzhaft war, zu schützen. In dem sich die Gefühle nach außen auf das Gegenüber richten, verhelfen sie dem Einzelnen, die in ihm schlummernde schmerzhafte Erfahrung oder Wertverletzung abzukapseln und selbst zu unterdrücken.

Auf der tieferen Bedeutungsebene geht es um zentrale Werte und Grundannahmen, möglicherweise auch Tabus, Verletzungen und traumatische Erfahrungen . Diese Dinge sind von so grundlegender Art, dass ihre Bedeutung weit über die einzelne Person, bei der sie sich zeigen, hinausgeht. Erst wenn der Zugang zu dieser Bedeutungsebene frei ist und eine Sprache gefunden wurde für das, was bislang unaussprechlich war, kann der Konflikt wirklich aufgelöst werden.

Wie können wir Konflikte fruchtbar machen?

Was die Beteiligten eines Konflikts daher brauchen, ist eine Möglichkeit, sich selbst liebevoll zu begegnen. Erst dann können sie die tiefere Bedeutungsebene erkennen und sich über diese Erfahrung den anderen mitteilen. Dafür braucht es einen geschützten Raum, einen Raum des Vertrauens und der Offenheit. Dieser Raum entsteht, wenn die Beteiligten das, was da ist, vollkommen annehmen. Nichts wird negiert oder abgelehnt – weder der Konflikt selbst, noch die Gefühle, die da sind, noch die Formen ihres Ausdrucks. Keiner wird ausgegrenzt. Allem wird wohlwollend und mit großer Wertschätzung begegnet. Das ermöglicht es den Beteiligten, die eigene Verteidigungshaltung aufzugeben. Sie lösen sich aus der Identifikation mit ihren Gefühlen, ihrer Wut, ihrer Trauer oder ihrem Schmerz, und erkennen, dass sie nur ein Ausdruck von etwas anderem sind. Damit ist der Weg zu diesem anderen geöffnet.

 

 

Was die Beteiligten eines Konflikts brauchen, ist eine Möglichkeit, sich selbst liebevoll zu begegnen. Erst dann können sie die tiefere Bedeutungsebene erkennen.

 

Wie können Sie solch einen Raum schaffen?

Der Raum entsteht durch den, der ihn öffnet und trägt, der in hält und schützt. Seien Sie deshalb der Anker für alle. Sie sind es, der Vertrauen schenkt und dadurch Vertrauen überhaupt ermöglicht. Seien Sie allparteilich. Begegnen Sie jedem mit Offenheit und Zuneigung und einer großen Neugier auf das, was sich zeigen will.

Helfen Sie der Gruppe, in dem Sie den Konflikt sichtbar machen und die tiefere Bedeutung finden und auszudrücken helfen. Kluge Fragen sind dabei enorm hilfreich. Die besten sind jene, die von den Beteiligten selbst kommen. Die Aufforderung: „Welche Frage stellt sich dir gerade?“ kann der Schlüssel zu solchen Fragen sein. Und wenn Sie eine Frage als Antwort bekommen, dann nehmen Sie die Frage und stellen Sie sie.

Beschreiben Sie, was Sie gerade beobachten, forschen Sie nach. Visualisierung ist hier extrem hilfreich. Denn alles, was Sie festhalten und der Gruppe zurückspiegeln, wandelt sich von der Position eines Einzelnen zu etwas, das die ganze Gruppe sich aneignet. Und wenn zwei widerstreitende Positionen nebeneinander geschrieben stehen, verlieren sie plötzlich an Kraft und Bedrohlichkeit. Sie müssen dabei wesentliche Inhalte nicht zwingend auf einem Flipchart festhalten. Oft reicht es, die verschiedenen Perspektiven zu verbalisieren: „Auf der einen Seite höre ich folgende Position, auf der anderen Seite folgende und dazwischen noch weiteres …“

 

 

Das allerwichtigste aber ist, dass Sie sich selbst vertrauen. Deshalb gilt: Wenn Sie Menschen durch Konflikte begleiten wollen, fangen Sie am besten bei sich selbst an.

 

Das allerwichtigste aber ist, dass Sie sich selbst vertrauen. Deshalb gilt: Wenn Sie Menschen durch Konflikte begleiten wollen, fangen Sie am besten bei sich selbst an. Lösen Sie sich von der Angst vor Konflikten. Je freier Sie innerlich sind, desto freier ist auch die Gruppe, die Sie begleiten, und desto leichter wird es Ihnen fallen, die Gruppe durch ihre Emotionen zu begleiten. Beobachten Sie sich selbst – das ist das Allerwichtigste, und beobachten Sie dabei vor allem, wann und wie Sie selbst involviert sind und sich verstricken. Wo regen Sie sich auf? Was stresst Sie, wenn andere sich streiten? All das gibt Ihnen viele Gelegenheiten, mit sich selbst Frieden zu schließen und anderen zum Frieden zu verhelfen.

Das ist der zweite Text unserer Reihe zum Thema “Facilitation”. Bleiben Sie dran!

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