18.09.2019

Gabriel Fehrenbach

Machen wir uns die Demokratie zu eigen!

Wie der Weg zu einer neuen Gesellschaft ausschaut.

Seien wir ehrlich: Politik und Wirtschaft haben bislang versagt. Sie sollen endlich alles tun, damit wir die Klimaziele einhalten. Stimmen Sie diesem Satz zu? Dann heiße ich Sie herzlich Willkommen im Kreise all jener, die am Status quo nichts ändern wollen. Und herzlich Willkommen im Kern unserer Krise. Mit unserem Verständnis von Demokratie und von Führung als einer Dienstleitung berauben wir uns selbst unserer Handlungsfähigkeit. Weshalb?

Delegieren – das Prinzip, das uns schwächt

Weil wir delegieren. Das ist das Prinzip, nach dem wir unsere politische Arbeit organisieren. Wir übertragen eine bestimmte Aufgabe – die Organisation unseres Zusammenlebens – anderen Personen. Sie haben den Auftrag, diese Arbeit in unserem Sinne zu übernehmen und zu lösen. Tun sie das nicht, dann sorgen wir für Kurskorrekturen. Wahlen und Demonstrationen sind dazu die Mittel der Wahl. Zweifelsfrei hat dieses Prinzip in den letzten siebzig Jahren funktioniert. Ja, es hat uns sogar große wirtschaftliche Prosperität beschert. Und dennoch hat es drei wesentliche Schwachstellen, deren Wirkungen sich jetzt deutlich zeigen:

a) Die Übereinstimmung der Interessen von Wählenden und Gewählten ist fiktiv geworden und funktioniert deshalb nicht mehr. Hat es früher eine hohe Übereinstimmung in den jeweiligen Milieus (christlich, sozial, liberal) gegeben, ist diese nun weggefallen. Denn die Milieus existieren nicht mehr. Zugleich sind die Fragestellungen, um die es heute geht, viel zu komplex, als dass sie sich durch die Orientierung an gemeinsamen Werten oder gar mit den einfachen Parolen eines Wahlkampfes abbilden ließen. Populisten haben das erkannt und versuchen deshalb, ihre Wählergruppen emotional an sich zu binden. Ihr Ansatz: statt von Milieus sprechen sie nun von Kulturen. Bestimmten, vermeintlich ethnischen Gruppen wird ein problematisches Verhalten zugeschrieben, bestimmte Bevölkerungsgruppen werden als gefährlich skizziert. So entsteht in der Abgrenzung das Bild einer eigenen Welt, einer eigenen, kraftvollen Kultur. Populisten können dadurch auf das Angebot von Lösungen verzichten. Was gut für sie ist, denn über die verfügen sie auch nicht.

b) Unser politisches System folgt eigenen Normen, die die Kooperation innerhalb einer Gesellschaft untergraben. Ihr System belohnt Profilierung, Abgrenzung und Konfrontation. Denn all das sichert eine höhere Aufmerksamkeit. Und das ist die Währung. Erkennen lässt sich das selbst in den kleinsten Gemeinden. Menschen, die zum Wohle aller zusammenarbeiten sollten, sind durch das Wahlsystem genötigt, gegeneinander anzutreten und anzukämpfen. Die Profilierung einzelner steht im Vordergrund statt der gemeinsamen Entwicklung tragfähiger Ideen.

c) Die Wählerinnen und Wähler können so tun, als ob sie nicht Teil der Entscheidungen sind. Wir sind zwar immer persönlich involviert. Doch wir ignorieren das. So wie wir ausblenden, dass wir durch unsere täglichen Entscheidungen selbst den wesentlichen Anteil an der Klimaerwärmung haben. Denn die Vorstellung von „denen in Brüssel“, „denen in Berlin“ oder „denen im Stadtrat“, die das alles zu verantworten haben, macht es uns leicht, unsere eigene Verstrickung auszublenden. Das aber macht uns passiv. Denn solange wir nicht erkennen, dass wir Teil des Problems sind, können wir auch nicht handeln und Einfluss nehmen. Nehmen wir doch nur die große Erzählung vom „Neoliberalismus“. Vieles an der Analyse der politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen und Strukturen ist vollkommen richtig. Tatsächlich diente der Abbau stabilisierender Regel- und Schutzmechanismen dem Machterhalt einer wirtschaftlichen und politischen Elite. Aber indem die Opponenten des Neoliberalismus einen Großteil der Bevölkerung als erleidendes Objekt und nicht als handelndes Subjekt beschreiben, nehmen sie ihm die Möglichkeit, zu gestalten und Änderungen herbeizuführen. Die Folge: Mit ihrer Erzählung stabilisieren die Kritiker des Neoliberalismus jene Strukturen, für deren Abschaffung sie eigentlich kämpfen.

Die Crux der Bürgerbeteiligung oder: Wann geht alle Macht vom Volke aus?

Das Grundgesetz ist eindeutig. In Artikel 20 heißt es, alle Staatsgewalt gehe vom Volke aus. Doch die politische Realität ist eine andere. Denn damit die Menschen ihre Machtlosigkeit nicht erkennen, wird die Machtteilhabe des Volkes inszeniert. „Bürgerbeteiligung“ nennt sich das dann. Auch wenn unser politisches System auf dem Papier jedem zugesteht, politische Ämter zu erringen und darin Macht auszuüben, bleibt es in Wirklichkeit hierarchisch organisiert – Macht ist zentralisiert. Und die Struktur ermöglicht es denjenigen, die an der Macht sind, sich diese langfristig zu sichern. Die politischen Verwerfungen in der Bundesrepublik, die zahlreichen Emanzipationsbewegungen, vor allem aber die Dauer ihrer Kämpfe, sprechen Bände davon. Das bestehende politische System ist unfähig, die Krisen ganzheitlich zu lösen. Was die gleiche Teilhabe aller an der politischen Gestaltung unserer Lebenswelt angeht, befinden wir uns bloß auf einer weiteren Etappe. In der jahrhundertelangen Entwicklung von der feudalen oder klerikalen Herrschaft hin zu einer tatsächlichen Gestaltung geht es nun um den Schritt von der repräsentativen zur unmittelbaren Demokratie.

 

Damit die Menschen ihre Machtlosigkeit nicht erkennen, wird die Machtteilhabe des Volkes inszeniert. „Bürgerbeteiligung“ nennt sich das dann.

 

Wie schaut eine unmittelbare Demokratie aus?

Die Unmittelbarkeit dieser Demokratieform hat mehrere Aspekte:

  1. Unmittelbare Betroffenheit: Alle, die von einer Frage betroffen sind, gestalten und entscheiden die Lösung mit.
  2. Unmittelbare Einbindung: Sie handeln dabei direkt, ohne Mittler und Repräsentation.
  3. Unmittelbare Antwort: Die unmittelbare Demokratie beantwortet Fragen und Probleme, die jetzt anstehen.

Daraus ergeben sich einige wesentliche Merkmale der unmittelbaren Demokratie:

  • Vielfalt statt Gleichheit: Jede direkte demokratische Form ist einzigartig. Das Prinzip der Natur ist Vielfalt, nicht die Vervielfältigung. Es gibt in der Natur keine zwei Dinge, die vollkommen identisch sind. Wo wir als Menschen dieses Prinzip missachten, tragen wir zur Degenerierung unserer Systeme bei. Wer das verstehen will, schaue sich deutsche Gewerbegebiete oder Fußgängerzonen an.
  • Mut statt Kontrolle: Es geht um Potenzial. Die bisherigen demokratischen Formen basieren auf Kontrolle und auf Regeln, die einschränken und verteilen. Doch Kontrolle verhindert inneres Wachstum, Zugang zur spirituellen Dimension unseres Lebens und Mut zum Entfalten von Potenzial.
  • Mehren statt zehren: Im Potenzial erkennen wir, dass wir Wachstum anders begreifen und leben müssen. Nachhaltigkeit versucht, in den Systemen Stabilität herzustellen. Mit anderen Worten: nur so viel entnehmen wie nachwächst. Doch auch das trägt zur Degenerierung der ökologischen Systeme bei. Denn in lebendigen Systemen geht es um ein Mehr – ein Mehr an Substanz, an Komplexität, an Bewusstheit. Und die Aufgabe einer unmittelbaren Demokratie ist es, alle wesentlichen Systeme (Natur, Ort, Gemeinschaft und Lebewesen) zu stärken.
  • Teilen statt besitzen: Unmittelbare Demokratie findet neue Antworten auf die Eigentumsfrage. Denn neben dem Zugang zu frischer Luft und sauberem Wasser ist die Verfügung über gesunden Boden eine absolute Lebensnotwendigkeit, ohne die wir eine gesunde Ernährung nicht sicherstellen können. Das bestehende Eigentumssystem aber zerstört nicht nur unsere Lebensgrundlage, sondern auch den Zugang zu sauberer Luft und sauberem Wasser und trägt enorm zu sozialen Spannungen, Ausbeutung und Krieg bei.

 

 

Die bisherigen demokratischen Formen basieren auf Kontrolle und auf Regeln, die einschränken und verteilen.

 

Wie kommen wir zur unmittelbaren Demokratie?

Wir müssen uns die Demokratie aneignen und dabei das bestehende System sinnvoll und klug überwinden. Aber nicht, wie es die Populisten aller Couleur wollen, durch die Rückkehr zu einer hierarchischen und zentralistischen Form. Denn damit bedienen sie nur die Sehnsucht nach einer einfachen Ordnung, die vor allem ihnen selbst zugutekommen wird. Nein, wir müssen uns selbst befähigen, unsere Lebenswelt zu gestalten. Sinnvoll bedeutet dabei, dass wir die Strukturen, die dienlich sind, behalten und neue Strukturen daraufhin prüfen, ob sie dem Ziel einer unmittelbaren Teilhabe aller dienen. Klug heißt, das jetzige System mit legitimen Mitteln eben dieses Systems zu überwinden. Denn das bestehende System hat kein Interesse an der eigenen Abschaffung und wird deswegen seine Machtmittel mobilisieren.
Folgende Dinge können und müssen wir tun:

  1. Uns den Schattenseiten des bestehenden Systems zuwenden
  2. Uns trauen zu trauern
  3. Räume des Wandels ermöglichen
  4. Handlungsspielräume erkennen und ausweiten
  5. Neue Spielarten der Demokratie entwickeln
  6. Einfach anfangen

Wenden wir uns den Schattenseiten zu

Schattenseiten gibt es viele, etwa die strukturelle Gewalt, die unserem System innewohnt. Diese Gewalt zeigt sich in der langen und anhaltenden Geschichte polizeilicher Exzesse, in den Übergriffen und Skandalen der Bundeswehr, die sich nie vollständig aus der Tradition der Wehrmacht gelöst hat, in der Blindheit gegen rechten Terrorismus. Sie umfasst die endemische häusliche und sexuelle Gewalt, den Machtmissbrauch und die vielfältigen Gewaltformen an Schulen und Kirchen, die manchmal verheerende Arbeit von Jugendämtern ebenso wie den massiven Einsatz von Psychopharmaka. Wir können die konventionelle Form der Landwirtschaft darunter ebenso begreifen wie die vollkommen auf das Automobil ausgerichtete Stadtentwicklung und das suburbane Desaster aus Gewerbe- und Neubaugebieten. Wenn wir das Bestehende überwinden wollen, müssen wir uns mit den Schattenseiten unserer Gesellschaft konfrontieren.Weshalb? Jede Schattenseite ist eine Blockade, die sich, wenn sie nicht gelöst wird, vervielfältigt und so Teil hat an der Degenerierung unseres gesamten Ökosystems: Kinder, die geschlagen werden, werden später, wenn sie dieses Trauma nicht auflösen, selbst zu Tätern.Mit jeder Blockade berauben wir uns selbst eines Teils unseres Potentials als Menschen und damit der Kraft, Intelligenz und Kreativität, die wir für die Wende brauchen. Zudem bergen all diese Ängste, Traumen und Deformationen ganz wesentliche Erfahrungen; wenn wir uns ihnen stellen, verleihen sie unseren Entscheidungen erst die notwendige Tiefe. Sofern wir diese Schattenseiten deutlich sichtbar machen, zeigen wir auf, wo sich das bestehende System selbst schon längst delegitimiert hat. Auf diese Weise weist uns das System selbst den Weg, wie wir es überwinden können.

Trauen wir uns zu trauern

Die Beschäftigung mit den Schattenseiten bedeutet vor allem, dass wir bereit sind zu trauern. Denn was uns dort erwartet, ist vor allem Schmerz. Eine Geschichte von Bernie Glasman mag das verdeutlichen. Der amerikanische Zen-Meister hat mit Jugendlichen aus der Bronx gearbeitet. Um ihnen einen Zugang zu ihrer eigenen Erfahrung zu ermöglichen, bat er sie, für jeden Toten in ihrem Leben einen Stein in den Raum, in dem sie sich befanden, zu tragen. Es war die schiere Ansammlung der Steine, die das Leid greifbar werden ließ. Bei unserer Zuwendung zu den Schattenseiten geht es nicht primär um das Leid des oder der Einzelnen, sondern um die Erkenntnis, dass wir alle die Strukturen erschaffen und aufrechterhalten, die dieses Leid ermöglichen. Es geht um unseren individuellen wie unseren gesellschaftlichen Anteil an der Tat. Denn erst wenn wir uns als Täter erkennen, können wir auch handeln. Trauern ist dabei ein zentraler Schritt. Er hilft uns, uns aus der Angst zu lösen, uns von den alten Geschichten und Schmerzen zu verabschieden und frei zu werden. Trauern ist die Übung, sich auf das Neue einzulassen, ohne das Alte mitzunehmen.

 

 

Die Beschäftigung mit den Schattenseiten bedeutet vor allem, dass wir bereit sind zu trauern. Denn was uns dort erwartet, ist vor allem Schmerz.

 

Schaffen wir Räume des Wandels

Das Trauern ist kein individuelles Trauern, auch kein kollektives Schuldbekenntnis. Es geht dabei um die Versöhnung mit uns selbst. Und dafür müssen wir uns besondere Räume schaffen: Räume des Wandels, die geprägt sind von Vertrauen, Zuwendung, Klarheit, vor allem aber von Offenheit. Denn wenn wir uns den Schattenseiten zuwenden, wissen wir nicht, welche Erfahrungen und welche Erkenntnisse dort auf uns warten. Dafür braucht es besondere Prozesse und eine besondere Prozessbegleitung.

Nutzen wir Handlungsspielräume und Freiheiten

Das größte Geschenk aus der Konfrontation mit den Blockaden und Schattenseiten liegt darin, dass wir mehr Weite im Denken, Wahrnehmen und damit auch im Handeln erlangen. Denn unsere gesellschaftlichen Handlungsspielräume werden ja nicht durch Gesetze und Verordnungen begrenzt. Wir selbst begrenzen sie durch unser Denken. Aus dem Prinzip des Delegierens auszubrechen verlangt, dass wir selbst gestalten; dass wir uns auf die Suche nach eigenen Antworten auf unsere gesellschaftliche Situation machen; dass wir erkennen, wie groß unsere Handlungsspielräume in Wirklichkeit sind.Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass andere etwas für uns regeln. Mit unserem alltäglichen Handeln sind wir tief verstrickt in all die Krisen, in denen wir als Menschen stecken. Und das ist auch gut so. Denn nur weil wir verstrickt sind, können wir auch verändern. Denken wir etwa an die Hose, die wir online einkaufen – und mit der wir den weltweiten Logistikapparat, die industrielle Produktion von Baumwolle und das chinesische Regime am Laufen halten. Oder an die Art, wie wir beruflich Meetings durchführen und mit der wir uns weiter daran beteiligen, dass nur die Lautesten zu Wort kommen – mit all den negativen Folgen für die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder die Entwicklung von Produkten, die Kunden nicht wollen. Diese Dinge und Situationen können wir anders handhaben. Jeder Moment birgt die Chance, etwas über die Krisen und unsere direkte Teilhabe zu lernen. Und im Lernen erfahren wir auch, wie wir anders gestalten können. So können wir vom Täter zum Gestaltenden werden.

Entwickeln wir neue Spielarten des Demokratischen

Es wäre eine Illusion zu glauben, wir könnten ohne jegliche Auseinandersetzung von einer Gesellschaft des Zehrens zu einer des Mehrens übergehenDenn für die Menschen, die zehren, stellt jegliche Veränderung einen Verlust ihrer Ressourcen dar. Dagegen werden sie sich wehren. Zudem ändert eine Gesellschaft des Mehrens die europäische Machterzählung. Historisch betrachtet ist Macht etwas von Gott Gegebenes, das nach jahrhundertelangem Ringen schließlich dem Volk zugesprochen wurde. Und diese Vorstellung einer Macht von oben greift vielfach immer noch. Unmittelbare Demokratie ist aber eine Demokratie von unten, die ihre Legitimität aus der Gleichwertigkeit aller bezieht, aus der Erkenntnis, dass sich das Göttliche in allem Lebendigen vollzieht. Umso wichtiger ist es, dass wir in diesen neuen Handlungsspielräumen sichtbar werden und die Freiräume zu neuen Formen der Demokratie weiterentwickeln und auf diese Weise den Wandel verstetigen. Dabei sollten wir nicht in eine Konkurrenz um Macht verfallen. Denn im Gegensatz dazu, wie wir Macht bislang begriffen haben, ist Macht keine knappe Ressource. Macht ist Fülle [Link], und eine solche Betrachtungsweise hat ganz andere Auswirkungen. Die Entwicklung neuer Formen im Kontext einer weltweiten Vernetzung ist nur lokal möglich. Denn nur dann können wir die Individualität des Ortes und unserer Gemeinschaft wahren. Darin liegt die spannende Herausforderung: aus dem, was gegeben ist, und mit den entsprechenden konkreten Fragen eine eigene, eigenständige Lösung zu entwickeln.

 

 

Historisch betrachtet ist Macht etwas von Gott Gegebenes, das nach jahrhundertelangem Ringen schließlich dem Volk zugesprochen wurde. Und diese Vorstellung einer Macht von oben greift vielfach immer noch.

 

Der Weg formt das Ziel

Viele Ansätze beschäftigen sich mit der Frage: Wie schaut die Zukunft der Demokratie aus? Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus, mal geht es um mehr Solidarität, mal um mehr Weisheit. Aber was all diesen Vorstellungen fehlt, ist die Antwort auf die Frage: Wie kommen wir dahin? Die Vorstellung der unmittelbaren Demokratie hilft uns zu erkennen, dass das, was jetzt ist, nicht alternativlos ist. Diese Vision wird von Ort zu Ort, von Gemeinschaft zu Gemeinschaft anders ausschauen – einfach wegen der Vielfalt allen Lebens. Und dann kommt die zentrale Frage: Wie sieht der Weg dorthin konkret aus?In vielen Handwerksberufen war es früher üblich, sich das Werkzeug selbst zu schmieden. Das Gleiche gilt auch für unseren Weg. Wir dürfen hier nicht den Fehler machen, durch einen gleichförmigen Prozess eine Gleichförmigkeit der Ergebnisse zu provozieren. Bei allem, wonach wir uns richten oder woran wir uns orientieren, gilt, dass wir es uns aneignen, uns zu eigen zu machen. Nur so können wir sicherstellen, dass wir nicht aus der Starre des jetzigen Systems in die nächste Starre verfallen. Eine unmittelbare Demokratie ist eine reiche, reich auch an Formen.

Der Weg beginnt bei uns selbst

Der Anfang liegt bei uns selbst. Nur wenn wir uns ändern, wird auch die Welt sich ändern. Das aber geht nur, wenn wir selbst den Schritt vom Zehren zum Mehren machen. Wir müssen die Kontrolle verlieren. Denn nur dann können wir uns dem wahren Wachstum öffnen. Und dazu braucht es die kontinuierliche und hartnäckige Auseinandersetzung mit uns selbst. Wir müssen uns unseren eigenen Schattenseiten zuwenden, die Angst durchqueren und das Trauern erlernen. Dann können wir uns der wirklichen Freiheit zuwenden. Wir müssen lernen, uns mit allem zu verbinden und in unserer Arbeit das Potenzial aller entfalten zu wollen. Dann werden wir selbst zu einem wesentlichen Teil der unmittelbaren Demokratie.

Demokratie ist fragil

Das Ende der DDR ist gerade einmal 30 Jahre her und mit ihr die Erfahrung, welch hohes Gut Freiheit ist. Seither ist die Demokratie weltweit auf dem Rückzug. Wir bedrohen sie selbst: mit unserer gesellschaftlichen Unfähigkeit, elementare Entscheidungen zu treffen und durch die umfassende Weigerung, staatliche Regulierung als freiheit- und strukturschaffende Aufgabe nicht nur zu begreifen, sondern auch zu erfüllen. Mit all dem bringen wir das demokratische Modell selbst in Misskredit. Die populistischen Bewegungen, die von Polen über Ungarn bis nach Italien erstarken, nutzen die negativen Seiten des bestehenden Systems. Ihr Ziel ist es, unter dem demokratischen Deckmantel autokratische Strukturen zu etablieren. Doch einzig eine wirklich freiheitliche Struktur, eine gesellschaftliche Form, die sich zum Ziel setzt, das Potenzial aller Menschen zu entfalten, ist die Antwort auf unsere Krisen. Daher hilft uns bei der Entwicklung neuer Formen die Frage: Schafft das, was wir gerade entwickeln, größere Freiheitsräume? Hat es wirklich das Potenzial aller im Fokus?Die Lösung unserer gesellschaftlichen Krisen können wir nicht wegdelegieren. Wir sollten dies auch nicht. Zwar führt der Weg durch die Angst, doch er schenkt uns neue Formen der Gemeinschaft, der Begegnung mit uns selbst, eine größere Fähigkeit, Konflikte und Brüche fruchtbar zu machen, und die echte Koexistenz mit der Natur – eine Erfahrung, die wir nicht missen sollten. Das ist die unmittelbare Demokratie. Und wir selbst haben es in der Hand, sie zu bauen.

 

Doch einzig eine wirklich freiheitliche Struktur, eine gesellschaftliche Form, die sich zum Ziel setzt, das Potenzial aller Menschen zu entfalten, ist die Antwort auf unsere Krisen.

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