21.11.2019

Gabriel Fehrenbach

Der Umbau des Sinnlosen

Wie wir Organisationen befreien können

Tagtäglich zerstören wir unsere Organisationen. Zwei Sorten von Verbrechen gibt es da. Einmal von innen, wenn Manager wild dem neuesten Methodenhype hinterher hechten. Einmal von außen, wenn Berater mit ihrem Methodenkoffer anrauschen und einem Unternehmen etwas überstülpen, das ihm völlig fremd ist. Meist gehen beide Hand in Hand – ein wirtschaftlich sehr erfolgreicher Kreislauf. Berater entwerfen eine neue Krankheit, sind dann Ersthelfer und Chefarzt in einem, während das Management im Operationssaal fleißig assistiert und so Führungsstärke beweist. Gut möglich, dass sich das Unternehmen das tödliche Virus erst auf der Krankenstation einholt. Wenn nicht, dann ist es sicherlich nicht gesund wegen, sondern trotz der Behandlung.

Mein Befund ist nicht neu. Sowohl die Modewellen als auch das Spiel zwischen Management und Beratung gibt es schon lange. Was allerdings neu ist, ist die Vielzahl toxischer Unternehmen und das Ausmaß an Zerstörung, das sie gesellschaftlich hervorrufen. Ein paar Beispiele belegen dies:

  • Die Autoindustrie schafft die Grundlage für eine desaströse Mobilität der Wohlhabenden: Autos, die gigantische Mengen an Ressourcen vernichten, Flächenversiegelung verlangen und unsere Städte und Dörfer zuparken. Die Unternehmen sind geprägt von einer hierarchischen, patriarchalen und angstbasierten Kultur, die das Leben vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vergiftet. Sie agieren immer wieder jenseits der Legalität und unterhöhlen so die Rechtskultur.
  • Die Bauernverbände propagieren im Schulterschluss mit Agrarchemie-Konzernen, Banken und Maschinenherstellern seit Jahrzehnten eine industrielle Landwirtschaft. Diese baut ebenfalls auf der Vernichtung von Ressourcen auf, zerstört Ackerboden und Artenvielfalt. Die einstige Vielzahl von Familienbetrieben ist der Marktdominanz einiger Großkonzerne gewichen. Lebensmittel werden zu Spekulationsobjekten.
  • In den Städten organisieren Grundbesitzer, Bauunternehmen und Stadtverwaltungen eine enorme Vermögensumschichtung. Das Vermögen wandert in die Hände jener wenigen, die Flächen besitzen oder kaufen können. Stadtplaner vernichten wertvolle Lebensflächen für gesichtslose und funktionsunfähige Stadtteile. Im Umland entstehen Neubaugebiete, die nur mit einer Auto-Mobilität funktioniert, die wir uns ökologisch nicht mehr leisten können.

 

Berater entwerfen eine neue Krankheit, sind dann Ersthelfer und Chefarzt in einem, während das Management im Operationssaal fleißig assistiert und so Führungsstärke beweist.

 

In all diesen Konstellationen stoßen wir auf Organisationen, die nicht lernfähig sind. Sie sind es nicht, weil sie keine ganzheitliche Wahrnehmung ihres Handelns und der entsprechenden Folgen haben. Und sie sind es nicht, weil sie nicht mit den ökologischen und gesellschaftlichen Veränderungen mitgehen können. Lernen ist der Prozess, in dem ein Organismus Erkenntnisse und Erfahrungen derart verinnerlicht, dass er sich selbst verändert. Dieses Lernen ist dann erfolgreich, wenn die Veränderung den Organismus lebensfähiger und flexibler macht. Dann kann er besser auf neue Anforderungen aus seiner Umwelt eingehen. Und er kann sein Umfeld wirksamer und ganzheitlich beeinflussen.

Die drei Fähigkeiten einer lernenden Organisation

Damit Organisationen lernfähig bleiben oder es wieder werden, brauchen sie drei Fähigkeiten:

Umfassende Wahrnehmung: Es gibt das Phänomen der selektiven und sich selbst bestätigenden Wahrnehmung. Wahrnehmung ist nie frei, sondern immer schon durch Vorstellungen und Geschichten vorgeprägt. Gewöhnlich wählen wir Menschen Erfahrungen und Informationen danach aus, ob sie unser bisheriges Weltbild bestätigen. Dann haben sie eine höhere Wertigkeit. Informationen, die unser Weltbild in Frage stellen, werden gerne unterdrückt. Wir kennen das zur Genüge aus Organisationen, in denen Informationen nicht weitergegeben und ignoriert werden.Unsere Fähigkeit zur Veränderung aber liegt in unserer Fähigkeit, diesen Mechanismus auszuhebeln. Organisationen brauchen daher eine Wahrnehmung, die sich gezielt auf Informationen und Erkenntnisse jenseits der eigenen Geschichtsschreibung und Organisationskultur ausrichtet.

Innere Freiheit: Organisationen können mehr oder weniger rigide sein. Wenn Sie bereits in unterschiedlichen Unternehmen tätig waren, wissen Sie, dass Mitarbeiter je nach Firma unterschiedliche Freiheitsgrade haben. Ein guter Gradmesser ist der Umgang mit Fehlern ebenso wie die Frage, ob Vorgesetzte Widerspruch fördern oder gezielt unterdrücken. Nur in Organisationen, die Widerspruch und Eigenwilligkeiten zulassen, können irritierende Informationen und bislang unbekannte Entwicklungen erfahren, verarbeitet und weitergereicht werden.

Beweglichkeit: Wie frei sind Mitarbeiter in ihren Entscheidungen? Und wie schnell können sie diese in die Tat umsetzen? Auch da kennen Unternehmen unterschiedliche Freiheitsgrade. Bei den einen gibt es keine Entscheidung ohne Vorstand, und bis dieser sie trifft, können Monate ins Land gehen. Bei den anderen können Mitarbeiter einfach loslegen. Da Lernen die Möglichkeit voraussetzt, Erfahrungen zu machen, muss ein Unternehmen, das lernfähig sein will, auch sehr beweglich sein.

 

 

Damit Organisationen lernfähig bleiben oder es wieder werden, brauchen sie drei Fähigkeiten: umfassende Wahrnehmung, innere Freiheit und Beweglichkeit.

 

Wandel geht nur innen

Eine Organisation kann sich nur dann verändern, wenn sie wirklich dazu bereit ist. Die Notwendigkeit eines Wandels kann groß sein, der Druck von außen auf das Unternehmen kann hoch sein, doch wenn dieses nicht bereit ist, sich zu verändern, wird es zugrunde gehen. Die Geschichte der letzten Jahrhunderte ist reich an solchen Beispielen – und in der Agrarchemie mit Bayer und in der Automobilindustrie können wir diesen Prozess erneut verfolgen. Weshalb gelingt Veränderung nur von innen? Weil jeder Impuls, der nicht der eigene ist, Widerstand hervorruft. Stellen Sie sich vor, eine Bekannte würde eine Bemerkung zu ihrem Körpergewicht fallen lassen und Sie dann auffordern, mehr Sport zu machen. Was spüren Sie, wenn Sie nicht gerade selbst Lust haben, die Laufschuhe anzuziehen und loszulaufen? Widerstand – und das ist bei Unternehmen nicht anders. Er zeigt sich nur anders. Und manchmal ist es auch die Geschäftsführung, die gerade erst eingesetzt wurde, die als fremd wahrgenommen wird und den Widerstand hervorruft. Auch kann nur die Organisation sich über ihren eigentlichen Auftrag oder ihre innere Ausrichtung klar werden. Was ist es, das die Organisation einzigartig macht? Wofür ist sie auf der Welt da? Was kann niemand anders erledigen? Wie wollte jemand von außen diese Fragen beantworten?Wenn aber eine Organisation diese Fragen geklärt hat und den inneren Kompass kennt, dann kann sie aus sich heraus die Energie freisetzen, die es für die notwendigen Veränderungen braucht.

Die Aufgabe externer Begleitung

Externe Begleitung kann dabei unterstützen, indem sie einen Raum zur Reflexion eröffnet und der Organisationen auf diese Weise Selbsterkenntnis ermöglicht. Die Begleitung kann der Organisation helfen, Blockaden zu erkennen und aufzulösen. Und sie kann die Organisation darin befähigen, sich selbst zu begleiten. Denn langfristig bleiben Organisationen nur dann lernfähig und lebenskräftig, wenn sie sich selbst in der Kunst der Selbsterkenntnis und der Bewusstseinsentwicklung einüben.
Viele Unternehmen sind toxisch – nach innen und nach außen. Und viele Veränderungsprozesse scheitern, nicht trotz, sondern gerade weil sie extern begleitet werden. Diese Erkenntnisse waren der Ausgangspunkt für mich, Beratung neu zu denken und zu gestalten. Herausgekommen ist unser Ansatz der Transforming Business Facilitation. Denn Lernen heißt vor allem, sich dem Neuen zu öffnen. Alle herkömmlichen Management- und Unternehmensmethodiken vermeiden aber genau dies. Sie wollen Sicherheit stiften, wo doch die Bereitschaft zur Unsicherheit, zum Nichtwissen gefordert ist. Mit Transforming Business Facilitation tragen wir die Fähigkeit, sich dem Unbekannten zu öffnen, in die Unternehmen hinein. Statt zu beraten, befähigen wir Führungskräfte und Mitarbeiterinnen, ihr Unternehmen selbst zu verändern. Sie lernen, die innere Ausrichtung ihrer Firma zu erkennen und sich selbst den Grad an innerer Freiheit, Wahrnehmung und Beweglichkeit zu geben, der für eine ökologische Transformation so dringend notwendig ist.

 

 

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