27.01.2020

Gabriel Fehrenbach

Wie wir nicht gegen den Klimawandel, sondern mit dem Leben handeln können

Wir müssen gegen den Klimawandel ankämpfen. Wenn wir das tun, haben wir schon verloren. Dann haben wir die grundlegende Dynamik des Lebens nicht verstanden und arbeiten – weiterhin – gegen dessen Prinzipien an, vor allem aber gegen die Dynamiken des Lebens. Dank des Zugangs zu fossilen Energieträgern konnten wir in den letzten 200 Jahren mit großem Aufwand gegen das Leben anarbeiten. Die Folge: Der Stoffwechsel der Erde ist derart gestört, dass unser ökologisches Gesamtsystem aus seinem stabil-dynamischen Gleichgewicht geraten ist und nun nach einem neuen Gleichgewicht sucht. Arbeiten wir dagegen an, verschlimmern wir die Situation. Lernen wir, mit der Dynamik mitzugehen, können wir als Teil von Gaia, als Teil des gesamtheitlichen Lebens ein neues Gleichgewicht auf einer höheren Ebene erreichen. Das ist unsere übergeordnete Aufgabe, an der wir uns bei allem, was wir tun, orientieren können. Was aber heißt das konkret?

 

Dank des Zugangs zu fossilen Energieträgern konnten wir in den letzten 200 Jahren mit großem Aufwand gegen das Leben anarbeiten.

 

Vom Leben lernen

Unser Körper ist ein hochkomplexes System mit einer sehr spannenden Form der Regulierung. Alle Elemente unseres Körpers, ob Zellen oder Organe, arbeiten autonom und sind in sich abgeschlossen. Gleichzeitig verfügen wir mit dem Gehirn und unserem Nervensystem über eine Form der zentralen Steuerung. Diese arbeitet aber nicht hierarchisch – niemand gibt der Lunge den Impuls zu atmen oder dem Herz den Auftrag zu pumpen, sondern sie funktioniert allein durch die Verarbeitung von Informationen. Informationen, die irgendwo am oder im Körper auftauchen, werden an das Gehirn weitergegeben, dort verarbeitet und wieder in das System eingespeist. Jedes Element empfängt die für ihn notwendigen Informationen und verarbeitet sie wiederum autonom. Gleichzeitig ist sich dieses System seiner selbst bewusst und kann über dieses Bewusstsein die langfristige Ausrichtung und Weiterentwicklung steuern. Krankheiten entstehen da, wo die Selbstregulierung gestört wird und der Körper oder Teile davon in ein Ungleichgewicht geraten.

So wie bisher geht es nicht

Unser soziales Miteinander organisieren wir weitgehend hierarchisch. Nun erkennen wir die Grenzen dieser Organisationsform. Politisch sind wir gelähmt; wesentliche Entscheidungen werden nicht getroffen. Es gibt in weiten Bereichen keine Transparenz. Wirtschaftlich ignorieren wir die Folgen unseres Handelns und meinen, wir könnten sie auslagern. Doch auch die Mülldeponie, egal ob sie vor der Haustür, in einem afrikanischen Slum oder in den Weltmeeren liegt, ist Teil unserer Mitwelt. Es fehlt uns an dezentraler Koordination. Was wir brauchen, ist eine neue Form, unser Miteinander zu gestalten und die Autonomie der einzelnen Elemente zu stärken, ohne auf die notwendige Koordination zu verzichten.

Der wesentliche Unterschied

In vielem ähnelt diese Arbeit derjenigen, die die zahlreichen Bürgerrechts- uns Befreiungsbewegungen vor uns gemacht haben. Es geht um eine weitreichende Kooperation, es geht darum, gemeinsam Neues zu schaffen und Altes, Überkommenes zu schleifen. Mit einem ganz essentiellen Unterschied: Es gibt kein Innen und kein Außen mehr, es gibt kein Gegenüber – sondern nur das eine Leben in seiner ganzen Vielfalt. Die Ursachen unserer Krisen liegen ja darin, dass wir als Menschen gegen das Leben handeln und dieses Handeln in soziale Strukturen gegossen haben. Nun geht es darum, die Umwelt als Mitwelt zu begreifen und aus diesem mit dem Leben neue Strukturen schaffen – neue Organisationen, neue Verträge, eine andere Demokratie. Es reicht nicht, die eigene innere Haltung zu ändern, um das „Lebendige lebendiger zu machen“, wie es Hans-Peter Dürr formulierte. Unsere Arbeit betrifft alle Ebenen unseres Daseins – die persönliche, soziale, technische, ökologische, politische, kulturelle und die transzendente Ebene. Wobei dieses Bild bereits falsch ist. Alles Leben ist eng miteinander verwoben. Was wir als Ebenen betrachten, ist in Wahrheit ein dynamisches In-Beziehung-Sein.

 

 

Die Ursachen unserer Krisen liegen ja darin, dass wir als Menschen gegen das Leben handeln und dieses Handeln in soziale Strukturen gegossen haben.

 

Die Ausrichtung ist klar

Was wir brauchen, sind resiliente Systeme. Systeme sind dann resilient, wenn sie mit Störungen, Irritationen und Veränderungen so umgehen können, dass sie ihre eigene Stabilität bewahren. Viele unserer Ökosysteme sind nicht resilient; sie sterben und degenerieren. Doch der Prozess ist umkehrbar. Zu den effektivsten Wegen gehören der Aufbau der Humusschicht und die Stärkung der Artenvielfalt. Wir müssen lernen, die Erde zu heilen, unter anderem durch eine andere Art der Landwirtschaft. Studien belegen, dass wir dadurch die ganze Menschheit ohne Weiteres gesund ernähren können.

Auch unsere sozialen und politischen Systeme sind nicht resilient. Wir haben sie vor allem auf Effizienz getrimmt und die Robustheit darüber vergessen. Statt Vielfalt herrschen Monokultur und Monopolstrukturen. Die Folgen haben uns die Finanzkrise 2008 ebenso wie weltweite Seuchen wie die Vogelgrippe gezeigt. Auch hier geht es darum, dass wir unsere sozialen Systeme im Sinne der Vielfältigkeit und der Autonomie stärken. Resilienz und Strukturaufbau – das sind unsere Leitsterne.

Was ist die richtige Größe?

Wenn wir übergreifende resiliente soziale Einheiten schaffen wollen, ist die Frage nach der richtigen Größe von zentraler Bedeutung. Die Antwort darauf hängt von drei Merkmalen ab:

a) Ressourcen: Systeme sind dann resilient, wenn sie einen Großteil der notwendigen Ressourcen eigenständig und auf vielfältige Weise bereitstellen können, seien es Menschen mit entsprechenden Fertigkeiten, seien es Lebensmittel oder materielle Güter, seien es zivilgesellschaftliche Strukturen.

b) Vertrauen: Kooperation, die für eine dezentrale Steuerung notwendig ist, basiert auf Vertrauen. Vertrauen entsteht durch Nähe, Beziehung, Kontakt. All das lässt sich zwar über große Distanzen herstellen und aufrechterhalten, doch erfordert das einen erheblichen Energieaufwand. Ein resilientes System funktioniert dann, wenn es Vertrauen und Kooperation mit Leichtigkeit gewährleistet.

c) Gestaltungsmacht: Ein soziales System kann nur dann autonom existieren, wenn es über seinen Wirkungsbereich tatsächlich entscheiden und diesen Bereich umfassend gestalten kann. Daher brauchen resiliente Systeme die entsprechenden politischen Freiräume. Das gelingt uns, wenn wir neue Formen der unmittelbaren Demokratie schaffen.

 

Den Widerstand nutzen

Wir können dem Klimawandel nur dann adäquat begegnen, wenn viele Menschen mitmachen. Denn ein resilientes soziales System funktioniert nur durch die Kooperation möglichst vieler. Und diese Kooperation muss über die Barrieren unterschiedlicher Vorstellungen und Ziele hinweg funktionieren. Am Ende sind von der Transformation alle betroffen. Allerdings funktioniert Kooperation nicht hierarchisch. Das gibt den Einzelnen viel größere Freiräume zum Widerstand, als dies z.B. in einer Öko-Diktatur der Fall wäre. Wir brauchen also die Fähigkeit, auch zwischen Menschen und Organisationen, die verfeindet sind, Zusammenarbeit zu stiften. Und wir müssen dabei lernen, uns vom Widerstand nicht blockieren zu lassen, sondern ihn als Quelle unserer Kreativität zu nutzen.

 

 

Ein resilientes soziales System funktioniert nur durch die Kooperation möglichst vieler. Und diese Kooperation muss über die Barrieren unterschiedlicher Vorstellungen und Ziele hinweg funktionieren.

 

Der Kampf gegen den Klimawandel ist anstrengend und schwer. Jeder Akt erfordert Aufwand und Mühe. Die Geschichten von der drohenden Katastrophe machen Angst und depressiv. Das ist die Welt, wie wir sie uns momentan schaffen. Doch wir können auch anders. Wir können die Situation, in der wir gerade leben, auch als Chance zu einem neuen Menschsein begreifen. Das ist nichts Abstraktes, sondern etwas, das wir alltäglich erfahren können. Als Reichtum und Vielfalt im Miteinander, als Quelle der Kraft, in dem, was wir tun. Wir brechen auf. Wir begeben uns nicht nur auf eine Reise ins Unbekannte. Sondern wir brechen auch das Alte auf, um Neues zu schaffen. Wir brechen auf, was uns einengt, was uns klein macht, die Monokultur unseres eigenen Lebens. Allein darin liegt ein unermesslicher Gewinn für uns selbst.

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