03.03.2020

Gabriel Fehrenbach

Was wir brauchen, um gesellschaftliche Verhärtungen aufzulösen

Kürzlich hatte ich einen Disput mit einem Bekannten. Es ging um eine Angelegenheit, die uns beide betraf. Ich sprach von unterschiedlichen Bedürfnissen und Wegen, diese umzusetzen. Mein Bekannter sprach von seinen Werten und Gefühlen. Und plötzlich waren wir in einer Sackgasse. Denn weder Gefühle noch Werte lassen sich verhandeln. Sie lassen sich nur benennen und anerkennen. Das Sprechen darüber führt meistens zu einer Trennung. Denn hinter dem Sprechen steht oft eine andere, ganz fundamentale Frage: Teilst du meine Werte und mein Empfinden? Wenn ja, können wir weitermachen. Wenn nein, gibt es keine Basis für eine Zusammenarbeit. Dann grenzen wir schnell aus, statt unsere Verbindung zu leben.

 

Weder Gefühle noch Werte lassen sich verhandeln. Sie lassen sich nur benennen und anerkennen.

 

Gesellschaftlich können wir die Verhärtung, die mit einem solchen Sprechen einhergeht, an vielen Stellen beobachten. Dort, wo Zusammenarbeit notwendig wäre, steht stattdessen die politische Blockade. Eine Politik, die schwierige Phänomene wie das Erstarken der Populisten ausgrenzt statt angeht, mündet in desaströse Regierungsbildungen wie kürzlich in Thüringen oder nach der letzten Bundestagswahl. Statt sich der politischen Arbeit zu widmen, beschäftigt sich der politische Betrieb mit sich selbst. Die Unfähigkeit, die ökologische Wende zu gestalten, und die unterschiedlichsten Krisen, mit denen wir weltweit konfrontiert sind, bilden die Blockade, die uns als Menschheit bedroht. Die Folge ist eine Radikalisierung auf vielen Ebenen.

Ich war mein Leben lang mit Ausgrenzung konfrontiert. Nicht nur als Opfer. Denn Ausgrenzung war Teil meiner Lebensstrategie. Ganz häufig fühlte ich mich von der Fremdheit meines Gegenübers bedroht. Dann entschied ich mich meist für mein wackeliges Selbst und damit für Trennung und Distanz. Was mir als Stabilisierung meines Selbst erschien, war eher ein Verlust an Freiheit. Es war, als würde ich auf der großen Wiese meines Lebens immer mehr Bereiche abzäunen und mit Schildern versehen: „Betreten verboten“.

Diese Verbotsschilder haben allerdings einen großen Nachteil: Da, wo ich andere Menschen nicht hinlasse, gehe ich selbst auch nicht mehr hin. Und statt dass Frieden einkehrt, erzeugen die Verbotsschilder Unbehagen. Welches Grauen, welche schmerzhaften Erfahrungen mögen sich dort verbergen? So reduzierte ich mein Leben immer mehr auf das mir Bekannte, Vertraute, Angenehme und büßte nicht nur Erfahrungen und neue Erkenntnisse ein, sondern vor allem meine Lebendigkeit.

Auch in unserer Gesellschaft gibt es solche Verbotsschilder. Sie betreffen all die Themen, die wir nicht betrachten wollen: die endemische Gewalt, ob sexueller oder körperlicher Art, ob in Familien oder in Organisationen; den zunehmenden Rechtsradikalismus und die Radikalisierung Einzelner; die Privatisierung von Krankheiten wie Depression und Burn-out, die ihre Wurzeln nicht in persönlichen, sondern in gesellschaftlichen Strukturen haben; die ökologischen Folgen unseres wirtschaftlichen Handelns – angefangen bei der Vermüllung der Meere und nicht endend mit dem Verlust an Artenvielfalt auf unseren Äckern; die Ausgrenzung ganzer sozialer Schichten und Gruppierungen, wie z.B. der Flüchtlinge, die wir an den Rändern unserer Gemeinden unterbringen.

 

 

Wir verlieren als Gesellschaft unsere Lebendigkeit und damit unsere Fähigkeit, flexibel zu handeln, kreativ zu sein, zentrale Fragen anzugehen.

 

Diese Liste lässt sich beliebig verlängern. Und bei jedem Punkt gibt es einen Verlust an Lebendigkeit, der nicht nur das jeweilige Lebewesen betrifft. Wir verlieren als Gesellschaft unsere Lebendigkeit und damit unsere Fähigkeit, flexibel zu handeln, kreativ zu sein, zentrale Fragen anzugehen.

Das Gegenteil von Ausgrenzung ist aber nicht die Zusammenarbeit. Zumindest nicht die Form von Zusammenarbeit, die wir bislang praktiziert haben. Diese konventionelle Zusammenarbeit beschreibt Adam Kahane in seinem Buch „Collaboration With The Enemy“ als eine kontrollierte Zusammenarbeit: Es geht um ein gemeinsames Ziel und den einen gemeinsamen Weg, den alle zu gehen haben. Damit ist die Zusammenarbeit Zwang und oft eine Form der indirekten hierarchischen Machtausübung. Dies ist eine der Ursachen all jener Konflikte, mit denen wir gesellschaftlich konfrontiert sind.

Die Zusammenarbeit, die wir brauchen, ist erst einmal offen, auch was den eigenen Prozess angeht. Sie ist der Weg, nicht der Anfang.

Anfangen müssen wir meist damit, dass wir uns erst einmal sprechfähig machen. Da geht es nicht nur darum, dass alle Beteiligten für ihre Perspektive eintreten können oder dass wir gemeinsam eine Sprache entwickeln. Sondern darum, dass wir alle Beteiligten erst einmal zusammenbringen, dass wir miteinander ins Gespräch kommen. Sprechen kann nur dort stattfinden, wo Menschen aufeinandertreffen.

 

 

Erst, wenn wir das ganze Bild wahrnehmen und uns erlauben, das zu sehen, was uns trennt, kann Zusammenarbeit entstehen.

 

Dann geht es um die Fähigkeit, fundamentale Unterschiede zu erkennen und auszuhalten. Wir müssen lernen, in Verbindung zu bleiben, auch wenn wir nicht sehen, was uns gerade verbindet. Vielleicht verfolgen wir bloß andere Ziele und Interessen als unser Gegenüber. Vielleicht trennt uns aber auch eine grundlegend andere Haltung und Perspektive. Erst, wenn wir das ganze Bild wahrnehmen und uns erlauben, das zu sehen, was uns trennt, kann Zusammenarbeit entstehen. Manchmal können die Beteiligten ihre Position verlassen und eine neue einnehmen, näher aneinander rücken. Manchmal wird jedoch deutlich, dass für jeden im Raum die Änderung seiner Haltung einen großen – zu großen – Verlust darstellt. Dann kann aus dieser Erkenntnis Verständnis und Respekt füreinander erwachsen.

Diese neue Form der Zusammenarbeit geht davon aus, dass ein Miteinander auch dann möglich ist, wenn alle Beteiligten unterschiedliche Ziele verfolgen und sich an unterschiedlichen Werten orientieren. Sie kommt dem recht nahe, was der Philosoph Kwame Anthony Appiah als Konversation bezeichnet: „Conversation is not about principles and coming to complicated agreements, it’s just about hearing all the mess. If more of that mess had been represented, we’d have a much messier legislative situation, but we might have more consensus about the rights that we had arrived at in that way. „

 

 

Gesellschaftlich haben wir diese neue Form der Zusammenarbeit und des offenen Gespräches noch nicht wirklich gefunden, geschweige denn etabliert.

 

Wir kennen das aus Paarbeziehungen und langjährigen Freundschaften. Es gibt immer Differenzen, die nicht überwunden werden können, weil sie einfach nicht zu überwinden sind. Sie ließen sich nur lösen, wenn einer der Beteiligten sich selbst verlässt. Und wer wollte das schon vom anderen verlangen, wenn er selbst dazu nicht bereit ist? In solchen Fällen geht es nur noch darum, im Gespräch zu sein, gemeinsam das Trennende zu betrachten und manchmal auch bloß in Verbundenheit zu schweigen.

Gesellschaftlich haben wir diese neue Form der Zusammenarbeit und des offenen Gespräches noch nicht wirklich gefunden, geschweige denn etabliert. Dabei gibt es genug Themen und Gründe, relevante Fragen anders anzugehen. Damit wir als Gesellschaft lebendig werden. Damit wir frei sind, die großen Schritte zu gehen, die anstehen.

1. Adam Kahane, Collaborating with the Enemy, 2017, https://reospartners.com/publications/introduction-collaborating-enemy/

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