01.04.2020

Gabriel Fehrenbach

Die Kunst des Fragens oder: Wie wir uns leicht aus jeder Situation manövrieren

„Papa, wann habe ich Geburtstag?“ Meine Tochter schaut mich an, neugierig, lachend, frisch. Ich gehe vor ihr in die Hocke, schaue sie an. Und dann erzähle ich ihr: wann sie Geburtstag hat (im Herbst), wer davor Geburtstag hat (ihre größere Schwester) und wer danach (ihre Mutter). Sie hört mir wachen Herzens zu. Ich beobachte, wie sie einen Moment lang überlegt. Dann lächelt sie verschmitzt und fragt: „Papa, wann habe ich Geburtstag?“

Wir spielen dieses Spiel seit Tagen. Mal geht es um ihren eigenen Geburtstag, mal um den ihrer Freundin, mal buchstabieren wir die ganze Familie durch, mal den Jahreskreis. Meine Tochter hat Ausdauer darin, und meine Frau und ich versuchen mitzuhalten. „Papa, wann habe ich Geburtstag?“

 

Wir wollen lebendig sein. Und um lebendiger zu werden, gibt es nichts Besseres als Fragen. Denn sie helfen uns, unsere Starre und Enge abzuschütteln.

 

Wir wollen lebendig sein. Und um lebendiger zu werden, gibt es nichts Besseres als Fragen. Denn sie helfen uns, unsere Starre und Enge abzuschütteln. Meine Tochter ist ganz in dieser Lebendigkeit. Deswegen steckt in ihrem Fragen so viel mehr. Es geht darum, sich der Welt öffnen, die eigenen Fähigkeiten zu trainieren, um in dieser Welt navigieren zu können. Es geht um das reine Spiel, um In-Beziehung-Sein, darum, Verbindungen zu prüfen. Wie dick sind die Seile zwischen mir und meinem Papa? Und wie stark sind seine Nerven? Es geht um Sprache, dieses Wunderwerk, mit dem wir uns die Welt zu eigen machen und uns unsere eigenen Welten schaffen.

Und in alledem ist der Reichtum der Fragen: Klug gewählt und klug gestellt, brechen sie auf. Sie sind eine Einladung, das Bekannte hinter uns zu lassen und Neuland zu betreten. Sie führen uns aufs Glatteis, damit wir feststellen können, wie sicher wir uns dort bewegen. Sie erweitern unser Denken und unser Fühlen. Und sie helfen uns, uns aufzurichten.

Die Welt ist voller wunderbarer Fragen, die uns ins Herz treffen. Es gibt humorvolle und hinterfotzige. Es gibt Fragen, die einen am Schopf packen, und es gibt die, die uns im Kreise drehen, bis wir nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. Die schönsten Fragen aber sind jene, die direkt zu uns sprechen. Wenn wir eine solche Frage hören, ist es, als würde sie aus uns kommen, selbst wenn jemand anders sie stellt. Das sind die Fragen, die uns über den Moment hinausführen in das noch Unerschlossene, Unbekannte. Die Kunst der Selbstführung ist in erster Linie die Kunst, im jeweiligen Augenblick die richtige Frage zu finden und sich diese dann immer wieder zu stellen – nicht, bis wir die richtige Antwort gefunden haben, sondern bis sich uns die nächste Frage auftut. Denn das Leben, richtig gelebt, ist ein Leben von Frage zu Frage.

Was gute Fragen auszeichnet

Gute Fragen erfüllen drei Kriterien. Wie spricht die Frage uns an? Hier geht es darum, ob sie persönlich ist. Das bedeutet im Grunde nichts anderes als: Ist sie in unserer Sprache formuliert? Denn wenn sie das ist, dann spricht sie aus unserer Welt zu uns, direkt und ohne Umschweife.

Wie kraftvoll ist sie? Die Antwort darauf ergibt sich ganz einfach – haben wir Lust, die Frage zu beantworten? Zieht es uns regelrecht in diese Frage hinein oder spüren wir eine Distanz, als hätten wir die Einladung zur Jahreshauptversammlung unseres Sportvereins in der Hand?

Wie griffig ist sie? Gute Fragen sind präzise und knackig. Da gibt es keine Nebensätze und Wortverschachtelungen. Gute Fragen funktionieren überall – unter der Dusche wie im Bus. Wenn wir uns schon einen Moment später nicht mehr an die Frage erinnern können, wissen wir, das war nicht die richtige.

Diese Kriterien sind aus gutem Grund subjektiv. Was für den einen kraftvoll ist, mag für den anderen unpassend sein. Die Sprache des einen ist nicht die des anderen; was mich ergreift, mag dich nicht berühren. Bei guten Fragen geht es nur um uns selbst und um den Moment, in dem wir gerade sind. Denn der einzige, der sie beantworten wird, sind wir selbst. Das ist das, was meine Tochter mich lehrt. Ich weiß nicht, weshalb sie sich immer und immer wieder die Frage „Wann habe ich Geburtstag?“ stellt. Aber für sie ist diese Frage: so wichtig, dass sie sie in aller Tiefe ergründen will. Und darum geht es.

 

Gute Fragen für uns zu entdecken, ist ein Weg, auf dem wir unser Denken klären. In dem wir uns in auf die Suche nach der richtigen Frage begeben, entwickeln wir schon die Antwort.

 

Die Frage vor der Frage

Gute Fragen für uns zu entdecken, ist ein Weg, auf dem wir unser Denken klären. In dem wir uns in auf die Suche nach der richtigen Frage begeben, entwickeln wir schon die Antwort. Wir richten uns aus und auf. Dabei sind die drei Kriterien eine Richtschnur. Die Kriterien zeigen uns sehr deutlich, ob wir klar sind oder nicht: Gibt es etwas zu lösen? Wovon wollen wir uns befreien? Haben wir Angst? Wie können wir unser Denken weiten?

Damit diese Suche nicht beliebig ist, brauchen wir Klarheit darüber, wozu die Frage dient. Was ist ihr Zweck? Diese Überlegung steht am Anfang. Sie dient dazu, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und uns auszurichten auf das, was ansteht.

Die Frage entwickeln

Angenommen, wir wissen, wofür wir die Frage brauchen, dann geht es darum, konkrete Fragen zu formulieren. Dazu reichen Papier und Bleistift, und schon können wir loslegen. Wir fangen mit dem Wozu an, formulieren eine erste Frage und tasten uns voran. Zur zweiten, zur dritten und so weiter. Die Kunst liegt darin, dabei unseren beschränkten Geist zu überwinden und mit dem ganzen Körper zu denken.

Auch Gruppen können sich auf die Suche nach ihrer Frage begeben. Was sie dazu brauchen, ist ein Raum des Vertrauens und der Sicherheit. Denn nur, wenn sich Menschen sicher fühlen, sind sie bereit, ihre Unsicherheit zuzulassen und zu zeigen. Häufig brauchen Gruppen Unterstützung, um ein solches Miteinander zu etablieren, weil sie in einer Kultur der Konkurrenz, des Niedermachen oder der Lieblosigkeit gefangen sind.

Die Fragen zulassen

Mit Zeit und Übung verändert sich unser Zugang zu Fragen. Während der hier geschilderte Prozess anfangs etwas befremdlich oder wie eine bloße Stütze wirken mag, vergessen wir ihn mit der Zeit, weil er ganz selbstverständlich wird. Wir lernen, die Fragen nicht mehr zu suchen. Wir gehen einfach hinein ins Leben. Wir öffnen uns und warten. Die Frage kommt dann von selbst. „Willst du dir was Gutes gönnen / musst du darauf warten können.“ So heißt es in einem Kinderbuch.

Mit Fragen arbeiten

Nancy Kline, die Begründerin des Thinking Environment®, hat erkannt, wie kraftvoll unser Denken in der vollen Präsenz eines anderen Menschen ist. Ihre Methoden sind wunderbare Geschenke, um in die tiefe Kraft des eigenständigen Denkens zu kommen. Probiere das selbst einmal aus: Suche dir jemanden, der achtsam und gut zuhören kann, und bitte ihn, dir deine Frage laut zu stellen. Achte darauf, dass er sie genau wiedergibt und nicht in seine eigenen Worte kleidet. Und dann erlaube dir ein paar Minuten, über deine Frage nachzudenken. Wenn dein Denken einen Moment pausiert, dann bitte erneut um deine Frage.

 

Fragen haben eine andere Kraft, je nachdem, ob wir sie uns selbst stellen oder sie gestellt bekommen. Ihre Dimension verändert sich, wenn wir sie uns wiederholt stellen.

 

Fragen haben eine andere Kraft, je nachdem, ob wir sie uns selbst stellen oder sie gestellt bekommen. Ihre Dimension verändert sich, wenn wir sie uns wiederholt stellen. Das kannst du ermessen, wenn du mit jemand zusammen arbeitest. Und du erfährst, ob deine Frage wirklich kraftvoll ist. Vielleicht braucht es auch eine andere.

Laut denken in der wachen Präsenz eines anderen – diese Übung zu zweit erlaubt Gruppen, die Kultur der Achtsamkeit einzuüben. Diese Übung ist für die beteiligten Partner eine Herausforderung. Diejenige, die denkt, öffnet sich und zeigt sich mit etwas, das sie selbst noch nicht kennt. Und derjenige, der zuhört, übt sich darin, seine Impulse bei sich zu behalten und offen zu sein, für das, was sich da entfaltet. Gruppen, die das paarweise praktizieren, gelingt es später gut, diese Haltung auch in einer offenen Runde zu kultivieren. Dann kann die Frage vom einen zum anderen kreisen. Und manchmal verändert sie sich dabei, wenn wir bereit sind, auch die Frage loszulassen.

Mit Fragen leben

Fragen entfalten ihre Kraft über die Zeit hinweg. Gute Fragen sind nicht nur für einen bestimmten Moment da. Sie sind Wegbegleiter oder präziser: Wegbereiter. Sie sind eine Einladung, Zeit mit ihnen zu verbringen. Was es heißt, mit einer Frage zu leben, hat Rainer Maria Rilke schon 1903 beschrieben:

 

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

 

In das, was möglich ist, muss sich unser Denken erst vorsichtig hinein tasten. „Angenommen, du wüsstest, du scheiterst nicht, was würdest du dann tun?“ Die Antwort, die du jetzt auf diese Frage geben kannst, ist eine andere, als die, die dir übermorgen möglich sein wird. Nicht nur, weil du in der Zwischenzeit Neues gelernt und entdeckt hast. Sondern weil dein Gehirn wie ein Muskel mit dieser Frage trainiert. „Sind wir so mutig, wie wir sein könnten?“ Wer diese Frage regelmäßig in seinen Meetings stellt, kann beobachten, wie sich die Kultur seiner Organisation im Laufe der Zeit verändert und öffnet.

 

„Angenommen, du wüsstest, du scheiterst nicht, was würdest du dann tun?“ Die Antwort, die du jetzt auf diese Frage geben kannst, ist eine andere, als die, die dir übermorgen möglich sein wird.

 

Fragen, die über uns hinausreichen

Die Menschwerdung beginnt mit einer Frage, wenn wir der Geschichte von Adam und Eva folgen. Die beiden haben den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen. Sie wissen, dass sie damit gegen das Gebot Gottes verstoßen haben. Und sie wissen, etwas hat sich verändert – denn sie erkennen sich plötzlich als Mann und Frau. Sie sind nackt, weshalb sie sich bekleiden. Als es Abend wird, betritt Gott den Garten Eden. Die beiden hören ihn und verstecken sich – aus Furcht. Gott sucht sie. Er ruft Adam mit der Frage: „Wo bist du?“

In seinem Buch Der Weg des Menschen schreibt Martin Buber, Gott gehe es dabei nicht darum, etwas von Adam zu erfahren, das er noch nicht weiß. „Er will im Menschen etwas bewirken, was eben nur durch eine solche Frage bewirkt wird, vorausgesetzt, daß sie den Menschen ins Herz trifft, daß der Mensch sich von ihr ins Herz treffen läßt.“

Wir sind immer in etwas eingebunden, ganz egal, ob wir diesen Zusammenhang Gott, das Feld, den Kosmos oder die Natur nennen. Diesem Transzendenten aber können wir uns nur fragend öffnen, aus der Demut unseres begrenzten Seins heraus. „Wo bist du?“ – für Buber stellt sich jedem von uns diese Frage. Fragen können uns transformieren. Wenn wir erkennen, dass wir nicht wissen. Und wenn wir dann bereit sind, alles zu verändern.

1. Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 2019. An Franz Xaver Kappus, 16. Juli 1903

2. Genesis 1, Mose 3, https://www.bibleserver.com/LUT/1.Mose3

3. Martin Buber, Martin Buber. Der Weg des Menschen, 2018, S.11.

weiterlesen

Erfolgreich in die Tasche lügen

24.06.2020 Gabriel Fehrenbach
Erfolgreich in die Tasche lügen

Den laufenden Betrieb stören

30.04.2020 Gabriel Fehrenbach
Den laufenden Betrieb stören

Eine Chance ist nur eine Chance, wenn wir sie auch wahrnehmen

03.04.2020 Gabriel Fehrenbach
Eine Chance ist nur eine Chance, wenn wir sie auch wahrnehmen

Termine

07.07.2020
Mit Fragen führen (Kopie)

Besser entscheiden. Wirksamer handeln. Mehr erreichen

ANMELDUNG
28.9. - 26.10.2020
Konflikte nutzen

Konflikte nutzen

ANMELDUNG
28.9. - 26.10.2020
Teams entwickeln

Die Kunst, Teams produktiver machen.

ANMELDUNG

Vertrauensvoller gemeinsamer Raum

Trotz des Onlineformates entstand ein vertrauensvoller gemeinsamer Raum, in dem spielerisch, humorvoll und gleichzeitig mit tiefen Reflektionen geübt wurde wesentliche Fragen zu finden und über sie nachzudenken.

M.E.

Sinnhaftigkeit von Fragen

Gabriel macht die Sinnhaftigkeit von Fragen erlebbar und gestaltet einen sehr angenehmen Raum für die Selbstreflexion.

Tanja Rosenbaum

Eine Bereicherung

Ein Workshop mit Gabriel Fehrenbach ist eine Bereicherung. Seine ruhige und professionelle Führung durch ein Thema für Unternehmen und Einzelpersonenen ein Gewinn!

Matthias Reichhart (Reichhart - Marketing Vertrieb Events)

Emotionale Arbeit

Die emotionale Arbeit von Gabriel Fehrenbach ist so einfach wie wirkungsvoll. Einfach, weil sie mit kurzen klaren Sätzen schnell ins Wesentliche und ins Erleben führt. Eine neue Qualität im Umgang mit eigenen Emotionen entsteht. Danke für den wundervollen Integrationsprozess!

Gisela Sattler

Professioneller Rahmen

Lieber Gabriel, vielen Dank für den informativen Online- Workshop. Mir hat der professionelle Rahmen gefallen, Zweier-Austausch auch in den breakrooms, die klare Struktur und die gute Abwechslung von interessantem Input und Kleingruppenarbeit.

Jürgen Kökelsum

Klare Struktur

Das Seminar hat mir sehr gut gefallen. Vor allem die Mischung aus Methodik und eigenem Tun, die klare Struktur und deren spielerische Umsetzung. Selten habe ich einen Referenten erlebt, der mit so klaren und verständlichen Worten Inhalte vermittelt und mit soviel Empathie, Leichtigkeit und Humor die Übungen angeleitet und begleitet hat.

Werner H.

MEHREN STATT ZEHREN

MEHREN STATT ZEHREN ermutigt – zum nächsten Schritt, zur Eigenverantwortung und zum Groß-Denken!
Gabriel ist ein phantastischer Facilitator: achtsam, klar, unterstützend. DANKE!

Eva Fragstein

Forderte die letzte Gehirnzelle

Gabriel forderte die letzte Gehirnzelle mit seinen vielen aktivierenden Fragen heraus. Was bleibt nach dem Seminar? Eine erste Ahnung, wie eine neue Art zu denken funktionieren und zu anderen Lösungen führen kann.

Katrin Pfeiffer

Denkzeit Abonnieren

Die DENKZEIT. Unser kostenloser Newsletter für alle, die entscheiden, gestalten, handeln. Der monatliche Impuls, um wirksam die Welt zu verändern.