30.04.2020

Gabriel Fehrenbach

Den laufenden Betrieb stören

KONNEX – auf dem Weg zu einer resilienten Region

Ich laufe an den Feldern vorbei, die sich vom Stadtrand weg ausdehnen. Es ist Mitte April. Die Böden sind enorm trocken. Der Wetterverlauf in diesem Frühjahr deutet darauf hin, dass wir das dritte Dürrejahr in Folge haben werden. Seit Wochen regnet es kaum. Es gibt weniger Schmelzwasser aus den Bergen, der Winter war sehr schneearm. Was die Wissenschaft über die Klimaveränderungen berichtet, kann ich morgens mit eigenen Augen sehen, wenn ich von meinem Haus an den Feldern vorbeigehe und am Fluss zurücklaufe. Die Natur, mit und von der wir leben, verändert sich tiefgreifend.

Ein Wandel, der vielfältige Antworten von uns verlangt, wenn wir nicht von ihm überrollt werden wollen. Doch wir haben die Chance, mit dem Wandel zu gehen und ihn partiell auch mitzugestalten. Ich denke an neue Wege in der Landwirtschaft: andere Pflanzen, eine andere Art den Boden zu bearbeiten. Überhaupt müssen wir den Konflikt um Landnutzung durch Landwirtschaft, Verkehr, Wirtschaft und Wohnen ökologisch aushandeln. Um den stärkeren Temperaturschwankungen energieschonend zu begegnen, sollten wir unsere Art zu bauen, zu wohnen und zu arbeiten verändern. Auch um eine neue Form der Mobilität und des regionalen Wirtschaftens wird es gehen. Für vieles davon liegen tragfähige Ideen vor. Doch kann ich keine grundlegende gesellschaftliche Entscheidung erkennen, sich den Gegebenheiten zu stellen. Und das irritiert mich.


Was übersehe ich?

Das ist die Frage, die ich mir auf meinem morgendlichen Spaziergang stelle. Denn es ist offensichtlich, dass alles, was wir bislang für den ökologischen Wandel getan haben, nicht ausreicht. Wir haben viele Modelle, Interpretationen, Warnungen und Handlungsansätze. Die erklären oft sehr stichhaltig, wie es zu unserer Situation gekommen ist. Doch führen sie nicht dazu, dass wir diese Situation auflösen.

Was ist der nächste Schritt, den wir jetzt gehen können? Und wie kann ich mich verändern, um diesen Schritt zu ermöglichen?

Statt eine Antwort auf meine erste Frage zu finden, stoße ich auf meinem Weg entlang der Wiesen nur auf weitere Fragen. Ich erlaube mir, mich meiner Irritation zu öffnen, mich dem Nicht-Wissen zu stellen. Und schaue, was sich auftut.

Unser Projekt KONNEX ist aus dieser Irritation entstanden. Es ist weniger ein Projekt als die Idee einer produktiven Störung. Wodurch können wir bestehende Strukturen dazu bringen, sich weiterzuentwickeln? Wie können wir mit einfachen Mitteln so intervenieren, dass wir den gesellschaftlichen Wandel erreichen, den wir haben wollen?

 

 

Unsere Ziele

Mit KONNEX verfolgen wir drei Ziele:

Wir wollen eine resiliente Region stiften: Eine Region ist aus vielerlei Gründen eine gute Größe, um erfolgreich handeln. Es gibt genügend Ressourcen in Form von engagierten Menschen, Expertise und unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen. Diese lassen sich zu Kooperationen verknüpfen. Damit läßt sich auch ein regionale Lebensmittelversorgung entwickeln. All das ist notwendig, damit wir resilienter werden, uns also in die Lage versetzen, den Wandel mitzugehen. Und die Region ist gerade noch so groß, dass persönliches und kontinuierliches Vertrauen zwischen den beteiligten Akteuren aufgebaut werden kann. Denn Vertrauen braucht es, um Bestehendes verändern zu können.

Wir wollen mehr verstehen: Als Gesellschaft gestalten wir auf ganz unterschiedlichen Ebenen – als Akteure in der Wirtschaft oder als Arbeitnehmer ebenso wie als Ehrenamtliche oder als Konsumenten, die Interessen verfolgen und sich für Themen und Ziele einsetzen. Die Politik ist der offizielle Ort, um Entscheidungen zu gestalten und treffen; daneben gibt es eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Gemeinschaften und Situationen, in denen wir denken, handeln, uns gegenseitig inspirieren, trauern und uns austauschen. Und es gibt die vielen Einflüsse aus anderen Bereichen, die mal offen, mal verdeckt geschehen. Irgendwo in dieser Dynamik liegt die Ursache für unsere Blockade. Wenn wir das erkannt haben, finden wir auch Wege, die Blockade zu lösen.

Wir wollen neue Formen des Handelns gestalten: Die Entwicklung der Menschheit ist auch eine Entwicklung sozialer Strukturen und Techniken – von nomadischen Klans bis zu komplexen modernen Staatsstrukturen, vom einfachen Tauschhandeln bis zu den heutigen elaborierten Marktmechanismen. All diese sozialen Strukturen waren Innovationen, die auf eine bestimmte soziale Situation reagierten. Wie schaut die Antwort aus, die wir jetzt geben müssen? Zu welchen Innovationen sind wir nun fähig?


Unsere Annahmen

KONNEX basiert dabei auf drei Thesen:

Nur im Handeln können wir lernen. „Theorie ist Marx, Praxis ist Murx“, hieß es früher. Doch in Wirklichkeit zerschellt jede theoretische Konzeption, sobald sie mit der Praxis in Verbindung kommt. Und auf die kommt es an. Tragfähige Lösungen entstehen daher nur, wenn wir im Leben handeln und uns vom Leben führen lassen.

Punktuelle Interventionen sind effektiver. Es gibt bereits eine Vielzahl von Strukturen, da braucht es nicht noch weitere, die parallel zu den anderen bloß Ressourcen binden. Vielmehr geht es darum, die bestehenden Strukturen so zu stören oder zu irritieren, dass sie sich gezielt weiterentwickeln.

Entwicklung entsteht, wenn Spähren aufbrechen: Der konventionelle Bauer ebenso wie die Ökobauerin, die Verkehrsplanerin ebenso wie der Unternehmer, alle arbeiten im und am gleichen gemeinschaftlichen Raum. Doch sie sprechen nicht miteinander. Die meisten von uns bewegen sich innerhalb ihrer eigenen Sphäre – zwischen den einzelnen Sphären gibt es wenig Austausch. Und je weiter Erfahrungen oder Positionen vermeintlich auseinanderdriften, desto größer ist die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen. Es geht also darum, den Austausch untereinander zu ermöglichen.

 

Unsere ersten Schritte

Die erste Intervention, die wir planen, ist Szenarienarbeit. Mit einer Gruppe regional Aktiver entwickeln wir mögliche Zukunftsskizzen. Dabei wollen wir Menschen zusammenbringen, die aus sehr unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft kommen, die heterogene, oft auch mit einander im Konflikt stehende Interessen verfolgen. Nur dieser reiche Schatz an Perspektiven und Erfahrungen ermöglicht uns profunde Einblicke und Szenarien.

Viele ökologische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen und ihre Folgen können wir heute schon abschätzen. Das tun wir aber nicht, vor allem nicht in der Gesamtschau und in der gesellschaftlichen Breite. Was wir dadurch verkennen, sind die Dynamiken, die sich aus dem Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Entwicklungen ergeben. Handlungsfähig werden wir nur, wenn wir uns bewusst den unangenehmen Wahrheiten stellen. Und um die geht es uns in dem ersten Schritt.

Die Szenarien dienen uns für dreierlei: Durch die Arbeit wollen wir gesellschaftliche Spähren irritieren. Wir wollen sie durchlässiger machen und erste Verknüpfungen schaffen. Die Ergebnisse wollen wir als ein neues Wissen in die Gesellschaft tragen, um Gespräche, Handeln, neue Ideen zu initiieren. Und uns werden sie dazu dienen, die nächste Intervention zu entwickeln.

Was braucht es, damit Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, an ein oder zwei Wochenenden zusammenarbeiten? An der Antwort darauf arbeiten wir gerade: in der Praxis, unterwegs in der Region, im Gespräch, manchmal auch am Feldrand. Als Erinnerung, worum es uns bei KONNEX geht.

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