Erfolgreich in die Tasche lügen

24.06.2020

Gabriel Fehrenbach

Erfolgreich in die Tasche lügen

Welche Rolle Wirtschaft in der Demokratie wirklich hat und wie Unternehmen davon profitieren

Politik ist aus Sicht der Wirtschaft eine reine Dienstleistung. Am Konjunkturprogramm zur Corona-Krise lässt sich diese Haltung par excellence ablesen: Alle stehen sie parat, wenn die Politik Geld in die Hand nimmt, Pakete schnürt, Gesetze erlässt; alle schreien laut, verkünden ihre Not. Und wenn der Anteil nicht so ausfällt, wie man es erwartet hat, dann wird nachgehakt und nachgekarrt. Schließlich geht es ja nicht um das Wohl des Einzelnen, sondern um das aller.

Das ist richtig – es geht um das Ganze. Doch die Perspektive, die die Wirtschaft einnimmt, ist zu eng. Sie nimmt nicht wirklich das Wohl aller in den Blick. Und sie übersieht, dass Politik und Wirtschaft gleichberechtigt neben einander stehen und dem dem größeren Ganzen, der Gesellschaft, dienen. Es gibt zwei Sphären, die unterschiedliche Aufgaben haben. Dabei arbeiten sie naturgemäß mit unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit, Macht, Hierarchie und Zielen. Daraus aber einen Herren (die Wirtschaft) und einen Diener (die Politik) abzuleiten, schadet. Vor allem den Unternehmen selbst. Denn so beschränken sie sich in dem, was sie für sich und für die Gesellschaft an Wert schöpfen könnten.

Welche Rolle also nimmt Wirtschaft in der Demokratie ein? Ihre übergeordnete Aufgabe ist es, die Teilhabe aller am gemeinschaftlichen Leben sicherzustellen. Dazu gehört die materielle Versorgung der Menschen. Doch das, worauf die Wirtschaft ihren Fokus richtet, ist eigentlich zweitrangig. Denn Teilhabe ist nicht nur Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand und an den Lebensgrundlagen. Teilhabe bedeutet vor allem, aktiv tätig sein zu können und so einen Beitrag für das Ganze zu leisten. Und erst aus dieser Tätigkeit ergeben sich das Materielle, die Dienstleistungen. Sie sind Ergebnis, nicht Ziel wirtschaftlichen Handelns. Auch die Aufgabe, Gewinn zu erwirtschaften, ist nicht das Ziel. Es ist eine Voraussetzung, um lebensfähig zu sein und wachsen zu können.

Wirtschaft hat nicht das Wohl aller im Blick. Und schadet sich selbst.

Diese Perspektive hat Implikationen. Denn wenn die Wirtschaft so produziert, dass sie die ökologischen Systeme ausnutzt und zerstört, dann zerstört sie damit die Grundlagen der Gemeinschaft, ganz egal, ob es sich um die Regenwälder im Amazonas oder die Insekten bei uns zu Hause handelt. Eine Wirtschaft, die Menschen systematisch von der Teilhabe ausschließt oder durch schlechte Arbeitsbedingungen massiv einschränkt, missachtet nicht nur ihre eigene Aufgabe. Ein niedriger Lohn mag für die Firma gut sein und auch für ihre Kunden, die von einem billigen Produkt profitieren. Doch eine schlechte Bezahlung schlägt sich durch auf Familien, Communities und die Städte und Gemeinden, in denen die Betroffenen leben. Sie verringert massiv die Chancen ganzer Bevölkerungsgruppen, Wohlstand für sich und damit auch für alle zu schaffen.
Eine Wirtschaft, die Güter und Dienstleistungen hervorbringt, die Menschen unselbständig und abhängig machen, untergräbt die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft. Über Jahrzehnte hinweg haben Öl- und Autoindustrie aus dem Nichts heraus einen Bedarf an privater Mobilität erzeugt mit weitreichenden Folgen für Städteplanung, Lebensmittelproduktion und Flächenverbrauch. Und jetzt, da wir mit den Folgen dieser Folgen konfrontiert sind, fällt es uns extrem schwer, einen anderen Kurs einzuschlagen. Dazu ist das Betongold der Neubausiedlungen und des Straßenbaus zu unbeweglich.

Welche Rolle spielt Ihr Unternehmen in unserer Demokratie

Welche Rolle also nehmen wir in der Demokratie ein?
Wenn Sie sich dieser Frage stellen, für sich, wie für Ihr Unternehmen, dann helfen Ihnen dabei drei unterschiedliche Perspektiven:
a) die der Kunden: Welchen Unterschied bewirkt unser Produkt/unsere Dienstleistung im Leben unserer Kunden? Was ermöglicht es ihnen? Und wie unterstützt es sie in der selbstverantwortlichen Teilhabe am Leben?
b) die der Mitarbeiter: Welche Auswirkungen haben die Organisationskultur, die Ziele und die Produkte auf das Leben von Mitarbeitern und Dienstleistungen? Wie sehr befähigt all das die Mitarbeiter, ihre Gemeinschaft aktiv und partizipativ zu gestalten?
c) die der Gemeinschaft: Wie beeinflusst das unternehmerische Handeln die Normen und die gelebte Wirklichkeit der Gemeinschaft, in die das Unternehmen eingebunden ist?

SEKEM in Ägypten ist ein exzellentes Beispiel für ein Unternehmen, dem es gelungen ist, aus diesen drei Perspektiven eine tragfähige Antwort zu entwickeln. 1977 von Ibrahim Abouleish als Initiative gestartet, um in der Wüste Ökolandwirtschaft zu betreiben, hat SEKEM den größten Markt für Bioprodukte außerhalb Europas geschaffen. Eine Vielzahl von Unternehmen, Kindergärten, Schulen und eine Universität sind aus der Initiative hervorgegangen.

So ganzheitlich wie das Vorgehen ist, so ganzheitlich sind auch die Ergebnisse, die Unternehmen durch einen solchen Ansatz erzielen. Sie lassen sich nicht allein in schnöden Wirtschaftsbilanzen ablesen. Sie drücken sich aus in Lebenschancen für die Kinder der Mitarbeiter, in der Lebensfreude der Mitarbeiter, in der Qualität des landwirtschaftlichen Bodens, in einer reichhaltigen Kultur.

Gewinne sind wichtig.

Treffen Unternehmen und Politik in einem solchen Perpektivwechsel aufeinander, geht es nicht mehr um die Frage, wer den größten Anteil des Subventionskuchens abbekommt. Dann haben sie Raum, um sich die Frage stellen, welchen Beitrag sie gemeinsam leisten können. Und was jede Seite dazu beitragen kann, um die andere in ihrer Aufgabe zu unterstützen.

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