Sind wir bereit, alles zu verändern?
28.07.2020
Gabriel Fehrenbach

Sind wir bereit, alles zu verändern?

Unsere Krise trägt die Antwort schon in sich. Wir müssen uns nur frei machen.

Wenn Menschen in Schwierigkeiten sind, versuchen sie ihre Situation meist mit dem zu lösen, was sie kennen. Das überrascht. Denn das, was sie bislang getan haben, ist auch das, was zur Krise beigetragen hat. Wer etwas anderes erreichen will, muss andere Wege gehen. Das gilt für die Menschheit insgesamt. Wenn wir unsere Krisen lösen wollen, müssen wir andere Wege einschlagen. Die Frage lautet daher: Sind wir bereit, alles zu verändern?

Wir machen uns selbst hilflos. Wir halten uns an Strukturen fest, mit denen wir uns in die Krise geführt haben. Und glauben, der Weg hinein führe auch wieder hinaus. Ein großer Irrtum, den wir erkennen, wenn wir uns unsere Mittel genauer anschauen:

Irrtum 1: Wenn wir die Ursachen kennen, kennen wir auch die Lösung. Unsere ganze Forschung ist danach ausgerichtet, nach den Ursachen zu suchen. Das Resultat: Wir wissen, was war. Aber nicht, was kommt. Denn der Prozess der CO2-Freisetzung ist irreversibel. Und die Dynamik, die er hervorruft, lässt sich weder abmildern noch beherrschen noch durch einen rückwärtsgewandten Blick wirklich verstehen.

Irrtum 2: Wenn wir die Zukunft kennen, wissen wir auch, was zu tun ist. „Es ist, das verspreche ich Ihnen, schlimmer als Sie denken.“ So beginnt „The Uninhabitable Earth“, der Text, in dem David Wallace-Wells die verfügbaren Informationen über die Klimaveränderungen zu dramatischen Bildern unserer Zukunft verdichtet. Es ist das zweite Reaktionsmuster, das wir perfekt beherrschen: düstere Zukunftsprognosen an die Wand malen, in der Hoffnung, sie würden uns zum Handeln bewegen. Doch außer einer apokalyptischen Lähmung führen solche Szenarien zu nichts. Denn auch sie sagen nichts darüber, welchen anderen Weg wir einschlagen können. Sie verstärken nur den nächsten Irrtum.

Irrtum 3: Die Krise ist so groß, dass wir sie nur durch enorme Anstrengungen lösen können. Unsere Art, Probleme zu lösen, ist stark materialistisch geprägt: Die Technik wird es schon richten. Zwei Grad, um mehr darf sich die Erde nicht erwärmen – so lautet momentan die gängige Vorstellung. Und dabei helfen vor allem die Reduzierung des CO2-Ausstoßes und alle Ansätze, das ausgestoßene Kohlendioxid wieder zu binden. Je größer die Herausforderung, desto schwieriger auch die Lösung. Deshalb übersehen wir komplett alle nicht-materiellen Lösungswege.

Wer etwas anderes erreichen will, muss andere Wege gehen.

 

An meiner Bürotür zu Hause hängt ein Ampelmännchen als Türschild an der Klinke. Ist das Männchen rot, will ich nicht gestört werden. Ist es grün, dürfen meine Kinde rein und mich besuchen. Mit meinen Kindern habe ich die Regel am Anfang eingeübt. Habe dabei versucht, ihnen den Sinn zu erklären. Zwei Tage ging die Tür auf. Ich saß am Schreibtisch. Das Ampelmännchen stand auf Rot, denn ich wollte in Ruhe an einem Text arbeiten. Meine älteste Tochter interessierte das nicht. Sie kam mit ihren drei Jahren herein und sagte: „Ich hab’s auf Grün gedreht.“

Meine Tochter hat die Situation vollkommen durchdrungen und dadurch den Hebel gefunden, mit dem sie die Situation überwinden konnte. Das Gleiche gilt auch für uns. Der Weg ist in der Krise selbst enthalten, wir finden ihn, indem wir uns vollständig auf die Situation einlassen. Keinen Widerstand haben gegen das, was ist – ob Klimakatrastrophe, Bürgerkriege, soziale Unruhen. Alle Krisen tragen schon ihre Antwort, tragen schon das Neue in sich. Das Hier und Jetzt hat alles, was wir brauchen. Unsere Aufgabe ist es nur, dass wir uns dafür frei machen. Dass wir bereit sind, alles zu verändern. Was nichts anderes heißt, als uns selbst zu verändern.

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